Homo faber

Autor:

Max Frisch

Veröffentlichung:

1957

Zitat:

Das Wahrscheinliche (dass bei 6000000000 Würfen mit einem regelmäßigen Sechserwürfel annähernd 1000000000 Einser vorkommen) und das Unwahrscheinliche (dass bei sechs Würfen mit demselben Würfel einmal 6 Einser vorkommen) unterscheiden sich nicht dem Wesen nach, sondern nur der Häufigkeit nach, wobei das Häufigere von vornherein als glaubwürdiger erscheint. Es ist aber, wenn einmal das Unwahrscheinliche eintritt, nichts Höheres dabei, keinerlei Wunder oder Derartiges, wie es der Laie so gerne haben möchte. Indem wir vom Wahrscheinlichen sprechen, ist ja das Unwahrscheinliche ja immer schon inbegriffen und zwar als Grenzfall des Möglichen, und wenn es einmal eintritt, das Unwahrscheinliche, so besteht für unsereinen keinerlei Grund zur Verwunderung, zur Erschütterung, zur Mystifikation.

Inhalt:

Walter Faber, Schweizer Ingenieur, ist auf dem Weg von New York nach Lateinamerika, um auf Montage zu gehen; das Weltbild des allein stehenden, älteren Mannes ist ein streng wissenschaftsgläubiges, rationales, distanziertes.
Sein Flugzeug hat Probleme, muss in der Wüste Mexikos notlanden, doch auch das nimmt Faber mit Fassung hin; während man auf Rettung wartet, schreibt er einen Brief an Ivy, seine Freundin in New York, dass er sich von ihr trennen will; doch dann passiert der Zufall, der Fabers Pläne durchkreuzt: Sein Schachpartner Herbert, mit dem er sich die Warterei verkürzt, entpuppt sich als Bruder eines Jugendfreundes namens Joachim, der in Guatemala eine Plantage betreibt; die Erinnerung an Joachim lässt Faber auch an Hanna denken, die vor den Nazis in die Schweiz geflohen war und beinahe Faber, dann aber Joachim geheiratet hatte; aus Sentimentalität und gänzlich gegen seinen eigentlichen Willen unterbricht Faber (nachdem sie aus der Wüste gerettet wurden) die Dienstreise, um gemeinsam mit Hermann Joachim zu besuchen; nachdem sie wochenlang durch den Dschungel irren, finden sie die Plantage, doch Joachim hat Selbstmord begangen; im Delirium der unerträglichen Hitze des Urwalds denkt Faber hingegen immer öfter an jene Zeit mit Hanna zurück.
Während Hermann auf der Plantage bleibt, reist Faber, immer wieder an Hanna denkend, zurück nach New York und reagiert auf Ivy zunehmend genervt; spontan entscheidet er sich, die anstehende Dienstreise nach Europa nicht mit dem Flugzeug zu absolvieren, sondern auf einem Dampfer – alleine.
Doch seine Schiffsreise führt zu dem zweiten großen Zufall, der Fabers Schicksal bestimmen soll: Er lernt die aufgeweckte, lebenslustige, junge (
sie könnte seine Tochter sein) Sabeth kennen, zu der er sich gleich hingezogen fühlt.
Die Begegnung mit dieser jungen Frau, die Erinnerungen an Hanna, führen dazu, was noch vor wenigen Wochen für den kühlen, korrekten Techniker undenkbar gewesen wäre: Er begleitet Sabeth bei deren Rucksacktour durch Europa...
Bis sich schließlich herausstellt, dass Sabeth die Tochter von Hanna ist. Aber auch seine Tochter. Doch die Zeit, die er wissentlich mit ihr verbringen kann, ist von kurzer Dauer...

Meinung:

In Max Frisch’ Homo faber kollidiert die uneingeschränkte Technologiegläubigkeit der frühen Nachkriegszeit mit den fundamentalen Problemen des menschlichen Individuums, die durch Rationalität und die Anrufung der Wahrscheinlichkeiten nicht behoben werden können – Einsamkeit, Liebe, Sehnsucht.
Während Walter Faber am Anfang des Berichts noch sachlich, nüchtern,
langweilig schreibt, wandelt sich dieser Stil mit seinen Empfindungen, bis er am Ende fast verzweifelt. Neben der hervorragenden Schilderung dieser inneren Wandlung sind es gerade auch die Szenen mit Sabeth, ihre Ausstrahlungskraft und der Fatalismus, der sich bei der Begegnung Walter – Sabeth in Bewegung setzt, die dieses Buch so empfehlenswert und erinnerungswürdig machen.