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Philip Glass und der musikalische Minimalismus

"Die Grenze zwischen Träumen und Wachen ist manchmal schwer zu ziehen. Man hat einen Traum und wacht auf. Und dann, nach einer Weile, merkt man, dass man immer noch träumt. Und wacht ein zweites Mal auf. Wer jemals diese Erfahrung gemacht hat, ist hinterher nie wieder sicher, ob er wacht oder schläft. Mir geht es so." (Philip Glass, in: Die Zeit, Ausgabe 28, 06.07.06)

philip glass

Quelle: www.philipglass.com

Endete mit Komponisten wie Debussy, Schönberg und Strawinsky die Linie derer die sich mit der Musik als komplexe Kunstform beschäftigten? Sind neuartige musikalische Konzeptionen heute nicht mehr produzierbar und ist der Songtext das letzte übrig gebliebene Ausdrucksmittel eines intellektuellen Diskurses in der Musik?

Ohne Zweifel lässt sich sagen, dass das 20ste Jahrhundert Nährboden für neue klangliche Konzeptionen in einer zuvor nur schwer zu erahnenden Bandbreite gewesen ist. Doch bedeutet der Siegeszug der Populärmusik schon automatisch den Tod jeglicher komplexen Komposition? Schon in anderen Artikeln dieser Website LINK haben wir erfahren, dass es durchaus Strömungen gibt die tonale Konventionen nicht als Pflicht sondern als Chance zum bewussten Stilbruch sehen. Gerade in Österreich, einer Hochburg der klassischen Musik verwundert es, dass manchmal vergessen wird, dass auch die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts durchaus mit interessanten musikalischen Konzeptionen aufzuzeigen weiß. Mit Philip Glass soll hier nun ein Komponist vorgestellt werden der oft der Gattung des musikalischen Minimalismus (Minimal Music) zugeordnet wird, auch wenn er selbst dies wohl anders formulieren würde.

Glass gilt heute als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten, bekannt geworden durch seine Oper "Einstein on the Beach" aus dem Jahr 1976. Es folgten weitere Opern wie etwa Satyagraha (1980) und Akhnaten (1984). Schon früh begann Glass auch seine Zusammenarbeit mit Filmemachern, etwa vertonte er den 1983 Koyaanisqatsi von Regisseur Godfrey Reggio der heute auch in einer DVD-Fassung vorliegt. "Koyaanisqatsi" ist Teil des Wortschatzes eines nordamerikanischen Indianerstammes und bedeutet etwa Leben im Ungleichgewicht. Der Kunstfilm kommt vollkommen ohne Kommentar aus und besteht nur aus Musik und Bildern. Die Handlung zeigt die Welt unberührt von menschlicher Hand und dann visuell und rhythmisch kontrastierend die immer deutlicher werdenden zivilisatorischen Einflüsse und die damit einhergehende Veränderung der Umwelt. Ein Filmerlebnis das wohl den meisten wohl einige Zeit in Erinnerung bleiben wird. Koayaanisqatsi ist Teil einer Trilogie, 1988 folgten Powaqqatsi ("Leben im Wandel") und 2002 Naqoyqatsi ("Ein Leben des Mordens").

Die indianischen Namen stehen nicht in zufälliger Verbindung zur Biographie von Philip Glass. Vertreter der "Neue Musik" zu denen Glass oft gezählt wird und als deren wichtiger Repräsentant er gilt öffneten sich in ihrem Schaffen Einflüssen anderer Kulturen. Die Weltmusik übte massiven Einfluss auf die Künstler aus und so entstanden neue Zusammenarbeiten von Musikschaffenden aus Indien, Afrika, Europa, Asien, Nord- und Südamerika. Bezeichnend erschien 2005 mit "Orion" ein Album von Glass welches einer Vielzahl dieser Kulturen musikalisch Tribut zollt.

Diese Öffnung der Neuen Musik ging laut Glass besonders auf die theoretischen Konzeptionen von John Cage zurück. Dieser hatte in den 60er Jahren in Büchern ("Silence", "A Year for Monday") davor gewarnt, dass Musik sich nicht vom Hörer entfremden dürfe, ein Prozess der durch die immer schwieriger werdenden Konzeptionen eingeleitet worden war. Komponisten der Konzertmusik waren den Weg gegangen immer komplexere oft a-tonale Musik für ein immer kleiner werdendes, stark spezialisiertes Publikum zu schreiben. Cage appellierte an die Künstler die Musik wieder als einen gemeinsamen Entstehungsprozess zu sehen. Der Komponist initiiert zwar doch es ist der Zuhörer der das Gehörte schließlich durch seine eigene Rezeption vervollständigt. Siehe dazu auch den diesen Artikel von Philip Glass.

dracula cover: vampir auf der lauer

Quelle: www.glasspages.org

Doch nicht nur eine Brücke zum Publikum und anderen Kulturen wurde gebaut, auch andere Kunstrichtungen sollten wieder verstärkt zur Zusammenarbeit bewegt werden. Beäugten Vertreter andere Zweige der zeitgenössischer Kunst die Komponisten während in den 60er und 70er Jahren noch mit Zurückhaltung und Ignoranz entstand nun zunehmend eine Basis der Kooperation. Glass selbst ist heute einem breitem Publikum vor allem durch seine Filmmusik bekannt, so bekam er etwa für seine Musik zu "Die Truman Show" 1999 den Golden Globe verliehen. Andere bekannte Vertonungen wie etwa die Soundtracks zu "Candyman", "Kundun", "Dracula" (Vertonung des Stummfilmklassikers gemeinsam mit dem Kronos Quartet), "The Fog of War", "The Hours" oder "Taking Lives" belegen Glasses enge Beziehung zur Filmszene.

Philip Glass komponiert viel und oft mehrere Werke zur gleichen Zeit, was manchmal vielleicht die Vielfalt seiner Kompositionen etwas einschränkt. Zu seinen Standards gehören impulsartige, wellengleiche Rhythmen, vielschichtig aufgebaute Melodien und oftmals auch die Verwendung von Gesang. Sich wiederholende Intervalle und reduzierte Kompositionen richten den Blick auf klare, verständliche Strukturen. Glass bedient sich oft minimalistischer Klangformen die jedoch in sich eine hohe Dynamik bergen und so nicht nur für experimentierfreudiges Hörpublikum einen Versuch wert sein kann.

Wer jetzt vielleicht einmal in die Musik von Philip Glass reinhören will, wird zum Beispiel hier fündig.

Quellen:
- Philip Glass Homepage. Philip Glass: Long Bio. http://www.philipglass.com/?cmd=biographies&contents=3.
- Planet Interview. Philip Glass: Wie übertreiben weil es uns Spaß macht. http://www.planet-interview.de/interviews/pi.php?interview=glass-philip
- Wikipedia. Philip Glass. http://de.wikipedia.org/wiki/Philip_Glass.


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