Parasiten im Altertum und Archeoparasitologie

Inhaltsverzeichnis:

Zur Terminologie gilt, dass der Begriff des Parasiten in der Antike eine völlig andere Bedeutung und Inhalt hatte als heute. Aber auch der Inhalt dieses Begriffs war gesellschaftlichen Wandlungen unterworfen - sowie wir in antiken Werken gelegentlich auf Spuren von jenen Lebewesen stoßen, die wir heute als Parasiten bezeichnen.

Parasiten in der Antike: Ein parasitoV = parasitos der griechischen Antike war ein beim Gastmahl geduldeter Mitesser: "para" = nahe, "sitos" = Weizen, überhaupt Getreide, Korn im natürlichen Zustande; zubereitet: Mehl, Brot, daher auch ganz im Allgemeinen: Kost, Nahrung, Speise. Meist handelte es sich um einen unehelichen, daher verarmten, freien jungen Mann, der sein Mitessen mit Erheiterungen der Gäste, Schmeicheleien und Unterhaltungskunst, dem Ertragen von Demütigungen und manchmal auch mit sexuellen Dienstleistungen bezahlen musste. Traditionellerweise werden zwei Typen unterschieden, der (gerade noch) ehrbare
(1.) Unterhalter, der aber immer auch Schläge und Demütigungen der (betrunkenen) Gastherrn einstecken musste (Beispiel: der der Belustigung der Freier dienende Faustkampf des als parasitoV verkleideten Hausherren Odysseus mit dem "Bettler" (= parasitoV) Iros bei seiner Heimkehr; 18. Gesang der Odyssee) und der
(2.) Schmeichler, der kolax, der als Figur auf der Theaterbühne einen eher schiefen Charakter darstellte und im Leben als ehrlos galt. Dieser ist nach U. Enzensberger vom parasitos streng zu unterscheiden. Im Theater kommt es gelegentlich, so z.B. bei Aristophanes, zur - durchaus persönlich gefährlichen - Gleichstellung von demagogisch agierenden Politikern (Kleon) mit einem kolax des Demos (Volks von Athen); also der Benennung eines Machthabers als Schmeichler und Verführer seines Gastgebers, des Volkes.
Dem wenig angesehenen (Berufs-)Stand des parasitoV in der klassischen antiken Gesellschaft ging jedoch eine Jahrtausende-lange Entwicklung voraus, die eine beispiellose Abwertung dieser sozial erzwungenen Betätigung widerspiegelt: Am Anfang steht die archaische jung-steinzeitliche Gesellschaftsordnung Griechenlands, in der der parasitoV als ge- und auserwählter Kompagnion der Gottheit zugleich ein Verwaltungsbeamter einer Kommune und ein angesehener Bürger einer Gemeinde war. Er ist der Gesellschafter des Gottes beim Mahle der Götter, jener Auserwählte, der die Opfergaben der Gemeinde (= Gemeindesteuer) den Göttern als Speise vorlegt. Im Bereich des privaten Gottesdienstes wurde daraus der mehr oder minder gern zum Opfermahl geladene Kultdiener; aber auch der auf öffentliche Kosten täglich im Stadthaus (Prytaneion) speisende Ehrengast, häufig ein verdienstreicher Veteran oder "Pensionist". Aus der ganz frühen Zeit stammt die Ansicht, dass die Parasitik eine Kunst sei, und zwar die einzige, die von den Göttern geschaffen wurde, vor allem von Zeus, dem Gott der Freundschaft und selbst ein hemmungslos egoistischer Fresser und gewaltiger Säufer. Der von ebendiesem Zeus schwer misshandelte, vertriebene und daher relativ erfolglose Urahn aller Parasiten soll Tantalos gewesen sein; hingegen wurde der illegitime Zeussohn und Stammheros der Dorer, Herakles, als unsterblicher parasitoV in die Tafelrunde der Götter berufen. Allerdings wich im Laufe der Zeit mit der Hochachtung vor den Göttern auch die vor den mitessenden Unterhaltern (der Götter). Vom Komödiendichter Diodoros von Sinope (3. Jhd vuZ) stammt folgende abschätzige Bemerkung über den parasitoV: "Wo immer er einen gedeckten Tisch bemerkt, legt er sich nieder, ißt und trinkt, und geht wieder fort ohne irgend etwas zum Mahle beizutragen". parasitosAls Archetype ist der parasitoV in den Theaterstücken der klassischen und spätklassischen Autoren, meist in Komödien (= Lebensbeschreibung der Armen), als Intrigant und Problememacher verewigt (Rechts die Theatermaske eines Parasiten). In der klassischen griechischen Komödie war die Figur des parasitoV der typische "trouble maker". Die parasiti Apollinis, die Parasiten Apolls, waren eine ca. 200 vuZ gegründete geheimnisvolle Gesellschaft von komi-schen und tragischen Schauspielern.
Die erstmalige Erwähnung des Begriffs Parasit im heutigen Sinn findet sich - welch Ironie des Schicksals - in dem 1646 von Sir Thomas Browne verfassten Werk über populäre Irrtümer mit dem Namen: Pseudodoxia Epidemica: or Enquiries into Very Many Received Tenets, and Commonly Presumed Truths. Er nennt Moose und Polypodiacaen, weil sie seiner Meinung nach auf Kosten anderer leben, Parasitische Pflanzen. Die Parasitologie als Lehre von den parasitischen Lebensformen wird erstmalig 1893 in der Londoner Times genannt.
Auch einer der bedeutendsten Dichter deutscher Sprache, Friedrich Schiller, charakterisierte den Charakter eines seiner Zeitgenossen, Georg Forster, mit dem folgenden Xenion: "Erst habt ihr die Großen beschmaust, nun wollt ihr sie stürzen; hat man Schmarotzer noch nie dankbar dem Wirte gesehen." Ein interessanter Denkansatz ist der von Eisenmann (1835), der Krankheit als Leben am Leben und auf Kosten des Lebens definierte.


 

Hassl codice tertio operis rei antiquae causa
Der klassische Parasit: Vom würdigen Gesellschafter der Götter zum servilen Hofnarren.

Ein parasitoz = parasitos = Parasit der klassischen griechischen Antike war ein beim Gastmahl geduldeter, jedoch nicht geladener Mit-Esser. Meist handelte es sich um einen unehelichen, erbunfähigen oder sonst wie verarmten, freien, jungen Mann, der sein Mitessen mit Erheiterungen der Gäste, Schmeicheleien, Unterhaltungskunst und Demütigungen bezahlen musste. Diesem wenig angesehenen Berufsstand in der klassischen antiken Gesellschaft ging jedoch eine Jahrtausende lange Entwicklung voraus,

die eine beispiellose Abwertung dieser sozial erzwungenen Betätigung widerspiegelt. Am Anfang der Entwicklung steht die archaische jung-steinzeitliche Gesellschaftsordnung Griechenlands, in der der parasitos als gewählter Gesellschafter der Gottheit zugleich ein Verwaltungsbeamter einer Kommune und ein angesehener Bürger einer Gemeinde war. Der Begriff des Parasiten im Klassischen Altertum hatte vor allem einen gesellschaftspolitischen Inhalt, er bettet sich in das antike sakrale, soziale und verfassungsrechtliche Umfeld ein. Die Transformation zu einer medizinischen Wortbedeutung erfolgte originär im Zuge einer irrigen Rezeption im 17. Jahrhundert.

 
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Das Wechselfieber in der Römischen Antike
Der politische, ökonomische und kulturelle Verfall des Römischen Kaiserreichs setzte zu Beginn des antiken Klimamaximums 200 p.chr.n. ein, obwohl die folgenden vier Jahrhunderte dem wasserreichen Europa reiche Ernten auf fruchtbringendem Ackerland bis an den Hadrianwall bescherten. Einer der wenigen unbestrittenen Faktoren, die einen solchen Zerfall einer Gesellschaft verursachen können, ist eine nicht epidemisch auftretende, in Warmperioden ihre krankmachende Wirkung und ihre Häufigkeit steigernde, sich flächenmäßig ausdehnende, menschliche Infektionskrankheit - und zwar das Wechselfieber; es erfüllt alle Anforderungen an einen Terminator einer Epoche.
Einleitung
Der Einfluss des Wechselfiebers, das ist der deutsche Überbegriff für drei verschiedene Krankheitsformen menschlicher Malaria, auf den ab dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert erkennbaren Verfall des Römischen Kaiserreiches und dem stillen Erlöschen des Weströmischen Reiches 476 p.chr.n. ist heftig umstritten. Manche zeitgenössische Autoren beschreiben das Auftreten von Malaria-Epidemien mit verheerenden Auswirkungen auf die Kindersterblichkeit in Mittelitalien im späten Dominat (z.B. [1]). Diese Darstellungen implizieren einen instabilen epidemiologischen Zustand in Folge des damaligen Neueindringens einer bösartigen Malariaform in eine immunologisch unerfahrene Bevölkerung. Die Konsequenz ist somit die Annahme einer maßgeblichen, wenn nicht sogar der ursächlichen Rolle der Malaria für den Untergang des Westimperiums [2]. Hingegen verlegen konservative Historiker meist die extensive Ausdehnung des Wechselfiebers im östlichen Mittelmeerraum in die Ära der neolithischen Agrarrevolution und dessen Etablierung in Latium in die Zeit der mythologischen Stadtgründung Roms um 750 v.Chr., herbeigeführt durch die seefahrerischen Aktivitäten griechischer Kolonisten und phönizischer Händler [3]. Aber auch eine Synthese, das heißt der Gedanke eines mosaikartig verbreiteten Wechselfiebers mit der Konsequenz eines lokal und temporär fragmentarischen Auftretens ohne zwingende gesellschaftliche Folgeerscheinungen wird vertreten [4]. Im Folgenden soll versucht werden, in geraffter und mikrobiologisch vereinfachter Form eine naturwissenschaftlich stimmige Geschichte der Malaria im antiken Italien zu skizzieren.
Vorbemerkungen
Unter Malaria, zu Deutsch Wechsel- oder Sumpffieber, versteht man eine Triade von obligatorisch von Stechmücken übertragenen Infektionskrankheiten des Menschen, die von einzelligen Parasiten der Gattung Plasmodium hervorgerufen wird. Der Name Wechselfieber bezieht sich auf die seit vielen tausend Jahren bekannte Eigenschaft der Krankheiten, in ihrem Kardinalsymptom, dem Fieber, regulär gleichmäßige Intervalle auszubilden [5]. Fieberattacken wechseln also regelmäßig mit fieberfreien Zeiten. Das Fieber der Malaria quartana, hervorgerufen durch den Erreger Plasmodium malariae, tritt alle 72 Stunden mit zwei dazwischen liegenden fieberfreien Tagen auf; die Fiebermaxima von Malaria tertiana, verursacht von Plasmodium vivax oder von Plasmodium ovale, liegen 48 Stunden auseinander; und die schwere, häufig tödlich verlaufende Malaria tropica, erregt durch Plasmodium falciparum, zeigt eine kontinuierliche, in der Höhe schwankende Fieberkurve mit 24 Stunden Maxima ohne vollständig fieberfreiem Intervall. Alle vier genannten Malaria-Erreger sind obligatorische, permanente Parasiten ohne freilebende Stadien, das heißt, sie müssen in jedem Lebensstadium und zu jeder Lebenszeit von (und in) einem Wirt leben. Sie parasitieren entweder am und im Menschen, der als Zwischenwirt fungiert, oder alternierend am und im Überträger und Endwirt, bestimmten Stechmückenarten aus der Gattung Anopheles (Abb. 1). Malaria
Die Auswirkungen der drei verschiedenen Krankheitsformen auf die menschliche Gemeinschaft sind jedoch sehr verschieden: Während mindestens ein Drittel der immunologisch unerfahrenen Europäer an einer unbehandelten Malaria tropica sterben, und diese Krankheit in Gebieten mit ganzjähriger Übertragung (=hochendemisch) für eine 50%ige Säuglingssterblichkeit verantwortlich ist, führen die Malaria tertiana nur selten, die Malaria quartana beinahe nie zu einem kausalen Tod. Die beiden letztgenannten Formen mindern dafür aber jahrelang und manchmal erheblich die Leistungsfähigkeit des Infizierten durch wiederkehrende Fieberattacken [6]. Während aber alte, das sind bis 40 Jahre andauernde [7], episodische Quartana-Anfälle schon von Ulpian (D 21,1,1,8) im frühen dritten nachchristlichen Jahrhundert als pflegeunwürdiger, ökonomisch unbedeutender, juridisch irrelevanter Mangel eines Sklaven charakterisiert wurden [8], also damals nicht als besonders bedrohlich empfunden wurden, war die ganze Apenninenhalbinsel ab dem siebenten nachchristlichen Jahrhundert ein schwer gezeichnetes, Verderben bringendes, endemisches Gebiet für alle drei Malariaformen [9]. Eine endemische Situation bedeutet, dass die Krankheit in einer Bevölkerung fortwährend mit einer gegenüber einer Vergleichspopulationen erhöhten Häufigkeit auftritt, - während einer Epidemie hingegen kommt es zur zeitlichen und örtlichen Häufung der Krankheit innerhalb einer Population. Im fünften Jahrhundert wurden beträchtliche Teile Norditaliens weitgehend entvölkert und die Siedlungsstrukturen zerfielen in Folge katastrophaler, epidemieartiger Tropica-Seuchenzüge [9, 10]. Ein weiteres Indiz für eine geänderte Seuchenlage stellt das Faktum dar, dass unter den im Mittelalter und in der frühen Neuzeit herrschenden Bedingungen Rom sich nicht zu einer Stadt mit einer nennenswerten Einwohnerzahl entwickelte. Im ersten nachchristlichen Jahrhundert bewohnten Rom aber mehr als eine Million Menschen [11]. Ich vertrete die Ansicht, dass andauernde massive Bevölkerungsverluste in einer Region nie durch die nur kurzfristig wirkenden Naturkatastrophen, Kriege oder Missernten bewirkt werden, sondern durch eine permanente Ausblutung durch (hoch-)endemischen Infektionskrankheiten, die durch ihre konstant hohe Kindersterblichkeit besonders verheerend wirken.
Befunde
Eine Abschätzung der Malariasituation auf italienischem Boden in der Antike ist unter Berücksichtigung einiger elementarer Gegebenheiten möglich: Höchstwahrscheinlich ist, dass das gesamte europäische Festland zum Ende der letzten Vereisung um 8000 v.Chr. malariafrei war. Etwas vereinfacht dargelegt, liegen die Gründe einerseits in der dünnen Besiedlung des Kontinents und andererseits in der vermuteten nacheiszeitlichen Faunenzusammensetzung. Die Malariaerreger benutzen in effektiver Weise nur frisch und erstmalig infizierte Menschen als Zwischenwirte. Überlebt der Erstinfizierte das akute Krankheitsstadium, so entwickelt sein Immunsystem eine funktional und zeitlich begrenzte Abwehr gegen den Erreger. Er wird teilimmun und für später kommende oder wiederauftauchende Erreger als Substrat für die Multiplikation wenig lohnend. Die Parasiten benötigen zur Vollendung ihres Lebenszyklus also eine quantitativ bestimmte Menschenpopulation, deren Größe maßgeblich von inter- und intraartlichen Beeinflussungen abhängt. Während der letzten Eiszeit lebten höchstwahrscheinlich nicht genügend Menschen in Festlandeuropa zur Aufrechterhaltung des Zyklus. Zudem vollenden die Parasiten obligatorisch ihren Lebenszyklus im Endwirt und Überträger, der Anophelesmücke. Diese Mücken müssen also vor der Etablierung des Parasitenlebenszyklus in einer Region vorhanden sein, und zudem müssen sie eine Mindestzeitdauer im Jahreslauf als erwachsene Tiere aktiv sein, denn nur die erwachsenen Weibchen können die Malariaerreger aufnehmen und wieder abgeben. Darüber hinaus bedarf die Individualentwicklung des Parasiten in der Mücke in Europa einer minimalen MalariaSommerdurchschnittstemperatur. Exakter ausgedrückt ist die Wärmemengensumme zur Aktivitätszeit der Mücken für die Dauer der Entwicklung des Parasiten im Insekt ausschlaggebend. Als Beispiel sei die Entfaltung von Plasmodium falciparum dargelegt (Abb. 2): Der Tropica-Erreger kann sich bei Temperaturen unter 16oC gar nicht weiterentwickeln, bei konstanten 20oC braucht er 22 Tage in der Mücke um für den Menschen infektiöse Stadien zu bilden. Der Schlüssel zur Malariaausbreitung ist also die Lebensdauer und das Aktivitätsschema der als Überträger geeigneten Anopheles-Stechmücken, wobei aber aus physiologischen und ethologischen Gründen sich nicht jede Anophelesart gleich gut als Überträger eignet.
Ab dem sechsten nachchristlichen Jahrhundert war ganz Italien ein endemisches Malariagebiet [9], ein Zustand, der sich bis ins zwanzigste Jahrhundert beständig hielt. Die Erreger, mit Ausnahme des westafrikanischen Plasmodium ovale, das niemals in Europa Fuß fassen konnte, mussten also zwischenzeitlich eingewandert sein, und ihren Zyklus in bestehenden Stechmückenpopulationen etabliert haben. Auf Europas Boden leben zwar circa 20 Anophelesarten, jedoch nur wenige davon sind für eine Malariaübertragung geeignet. Der einzige nordeuropäische und der bedeutendste europäische Überträger ist Anopheles labranchiae. In der Tropica-Hochburg Norditalien ist aber Anopheles atroparvus der Hauptvektor, beide Arten sind Taxa ungeklärter systematischer Abgrenzung im Anopheles maculipennis-Komplex [12]. Aus Kleinasien wanderte wahrscheinlich erst in der Antike der hocheffiziente Falciparum-Überträger Anopheles sacharovi nach Italien ein [2], und in den marschigen Sümpfen Südfrankreichs war bis vor wenigen Jahrzehnten Anopheles hyrancus der Hauptvektor [13]. Die Eignung der genannten Insektenarten als Überträger ergibt sich aus ihrer Physiologie und Biologie, insbesondere aus ihrer Wirtspräferenz, dem Aktivitätsschema, dem Verhalten, insbesondere dem Blutsaugen und dem Rasten in oder außerhalb von Räumen, der Tag-, Dämmerungs- oder Nachtaktivität, und dem Maß an Kulturfolge in Form einer larvalen Toleranz von Wasserverschmutzung.
Ausführlich dokumentiert ist der Kenntnisstand antiker Autoren über die Malaria (z.B. [2]). Neben zahlreichen Erwähnungen des Wechselfiebers in medizinischen Schriften, z.B. im Corpus Hippocraticum, stammt die klinisch präziseste Beschreibung und Differenzierung der Krankheitsformen von Aulus Cornelius Celsus (+ um 50 n.Chr). Varro, Columella und Vitruvius vertraten die um die Zeitenwende ungewöhnlich kühne Hypothese, dass das Wechselfieber von kleinen Tieren aus den Sümpfen käme [14]. Die Malaria war zu Beginn des Prinzipats also wohlbekannt, sie wurde aber keinesfalls als existentielle Bedrohung der Ökonomie und der Gesundheit empfunden.
Obgleich bereits Vitruvius die Augustäische Bauordnung im Sinne einer Wechselfieberrückdrängung beeinflusste [15] und vereinzelt bereits von Umsiedlungen in Höhenlagen zur Seuchenbekämpfung berichtete [14], wurde dennoch in den meisten Teilen Italiens weiterhin unbekümmert an Flussmündungen und Marschen Häfen und Siedlungen angelegt und die Innenhöfe von römischen Villen mit Süßwasserbecken - optimalen Mückenbrutstätten - ausgestattet [14]. Diese Unbekümmertheit wandelte sich aber ab dem fünften nachchristlichen Jahrhundert radikal: In den bis zu den Anfangsjahren des zwanzigsten Jahrhunderts Malaria-verseuchten italienischen Gebieten wurden die Flachlandsiedlungen aufgegeben und dafür Höhensiedlungen angelegt (Abb. 3). Diese das Alltagsleben erschwerende Siedlungsform wurde offenbar nicht aus militärischen Gründen gewählt, die Dörfer wurden kaum befestigt. Sie war jedoch der damals wirksamste Schutz der Bewohner vor den Stichen dämmerungs- und nachtaktiver, windempfindlicher, Malaria-übertragender Anophelesmücken. Davor war das Siedeln in den verkehrstechnisch günstigeren und einfacher bestellbaren, tiefer gelegenen Regionen noch möglich. Dies fügt sich in das Bild einer geänderten epidemiologischen Situation am Ende des antiken Klimamaximums um 600 n.Chr.
Dieses etwa vier Jahrhunderte andauernde Klimamaximum mit seinen um 1-1,5oC über dem gegenwärtigen Jahresdurchschnitt liegenden Temperaturen begann um 180 n.Chr. Es ließ in knapp 150 Jahren England zur Kornkammer des Imperiums aufsteigen (Ammianus Marcellinus, Rerum gestarium, 18,2,3) und in den nördlichen Reichsteilen Städte mit Einwohnerzahlen aufblühen, wie sie bis heute nicht wieder erreicht wurden: Als Beispiel sei Lauriacum = Enns genannt, dass um 200 n.Chr. dreißigtausend Einwohner hatte (Mitteilung Chr. Huemer auf www.enns.or.at), heute sind es elftausend. Trotz der günstigen Produktionslage in der Landwirtschaft traten aber bereits in der zweiten Hälfte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts erste spürbare Bevölkerungsverluste im Reich auf, zwischen 200 und 600 n.Chr. kam es dann zu einem massiven Bevölkerungsrückgang, anscheinend in Folge von schweren epidemiologischen Katastrophen bislang ungeklärter Genese [9]. Die Bindung des Auftretens von Malariaerkrankungen in den gemäßigten Breiten an die Sommertemperaturen und das Wirtvorkommen lässt den begründeten Verdacht keimen, dass dieses antike Klimamaximum die Periode der extensiven Ausdehnung des bösartigen Tropicafiebers im Kernland des Römischen Imperiums, der Apenninenhalbinsel, war. Nicht so schlüssig erklärbar sind allerdings die Zeichen auf das Auftreten der anderen Malariaarten in Italien und auf deren Herkunft und Abstammung.
Diskussion
Da Rom zur Zeitenwende mehr als eine Million Einwohner hatte, - eine Einwohnerzahl, wie sie nach höchstens dreißigtausend während des gesamten Mittelalters erst 1936 wieder erreicht wurde - können damals in und um die Stadt bösartige Malariaformen, insbesondere die Malaria tropica, noch nicht flächendeckend und jedermann erreichend Fuß gefasst haben. Vertretbar erscheint die These eines topologisch und saisonal fragmentierten Vorkommens der Malaria tropica in den von Sklaven bewirtschafteten Niederungen rund um Rom ab 100 v.Chr. [2]. Allerdings spricht ein ökonomisches Argument gegen diese These: Das Arbeiten in einem malariaverseuchten Land führte in der Antike zu einer Verkürzung der durchschnittlichen Lebenserwartung um zwei Dezennien auf 20-25 Jahre [4]. Die Konsequenz aus dieser Feststellung ist aber entweder ein rapider Bevölkerungsrückgang in den betroffenen Gebieten bis zum zwangsläufigen Erlöschen der Malaria wegen Zwischenwirtmangels, oder der laufende, ökonomisch unvertretbare Ersatz der verstorbenen Landarbeiter. Folgende Skizze der epidemiologischen Situation erscheint mir wahrscheinlicher:
- Keine der Malariaarten spielte in Latium bis zum Anfang des dritten nachchristlichen Jahrhunderts eine wesentliche ökonomische und medizinische Rolle.
- Offenkundig müssen damals aber effektive Vektoren, das sind zur Übertragung physiologisch und ethologisch befähigte Anophelesmücken, präsent gewesen sein.
- Um 200 n.Chr. war eine lang dauernde, nicht mehr akute Malaria quartana, eine so genannte Rekrudeszenz, für am städtischen Markt gehandelte, mehrheitlich in Latium geborene Sklaven der gesundheitliche Normalzustand, beeinträchtigte diese Infektion auch nicht ernstlich deren Leistungsfähigkeit [8].
- Das Wirt-Parasit Verhältnis von Plasmodium malariae ist offenbar so alt wie die Menschheit selbst, beidseitig hochgradig angepasst, und der Erreger ist für den Menschen von geringer Pathogenität. Dieser Parasit taucht recht unspektakulär überall auf, wo es Menschen und Überträger gibt, wird aber beschränkt von der von ihm zur Entwicklung benötigten verhältnismäßig hohen Wärmemenge.
- Plasmodium vivax ist vor etwa 60 000 Jahren aus Parasiten von Makkaken (?) entstanden und aus Asien Richtung Afrika und Europa ausgewandert (out of asia-Hypothese [17]). Dieser Parasit ist ein geeigneter Kandidat für die mutmaßliche Verschleppung einer Malaria im zentralen und westlichen Mittelmeerraum durch phönizische Händler und griechische Kolonisten [3].
- Aus dem fünften nachchristlichen Jahrhundert liegen gentechnologische Nachweise von Plasmodium falciparum-DNS aus den Überresten von Kleinkindern in Umbrien vor [16]. Diese Funde werden als Indiz für gelegentlich aufflackernde Tropica-Epidemien in einem Gebiet mit einer instabilen endemischen Lage gewertet [2].
- Plasmodium falciparum ist hingegen erst vor wenigen tausend Jahren möglicherweise aus einem Vogelmalariaerreger entstand und fand durch die Umweltveränderungen im Zuge der neolithischen Agrarrevolution die passende Gelegenheit zur Ausbreitung [7]. Aus Kleinasien kommend und mutmaßlich zuerst in der Poebene sich etablierend, konnte dieser Parasit erst während des antiken Klimamaximums Italien flächendeckend und die römische Zivilisation erdrosselnd besiedeln, vielleicht gemeinschaftlich mit dem für eine Tropica-Übertragung optimierten Vektor, Anopheles sacharovi [2].
- Etwas vereinfacht dargelegt ist der entscheidende biologische Faktor für die erst im antiken Klimamaximum stattfindende mittelmediterrane Ausdehnung des Verbreitungsgebietes von Plasmodium falciparum die Verkürzung der Stechmücken-armen Jahreszeit. Anders als Plasmodium vivax mit seinen Rezidiven und Plasmodium malariae mit der Rekrudeszenz hat der Tropica-Erreger keine Möglichkeit, sich durch eine verzögerte und/oder lang andauernde Parasitenverweildauer im Blut (=Parasitämie) oder in Leberzellen über die Zeiträume hinwegzuretten, in denen zu wenige Stechmücken zur Vollendung des Zyklus zur Verfügung stehen.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen der veränderten Malariasituation auf der Apenninenhalbinsel ab dem dritten nachchristlichen Jahrhundert müssen spektakulär gewesen sein. Beispielhaft sollen zwei Gedanken aufgegriffen werden:
Innerhalb weniger Generationen muss die Zahl der produktiven Arbeitskräfte insbesondere für die Feldarbeit und das Gewerbe rapide gesunken sein. Manuelle Arbeit wurde teuer. Daher wurde sie in der antiken Gesellschaft aufgewertet und als akzeptable Alternative zum Einkommen aus Staatsdienst (peculium quasi castrense) und aus Erbschaftsertrag wahrgenommen. Dies brachte einen kompletten Umsturz des traditionellen Wertesystems dieser antiken Gesellschaft mit sich. Und es führte zur nachantiken Ehrbarkeit und der gesellschaftlichen Anerkennung bestimmter manuell Tätiger, etwa der Stadtschreiber, der Händler und der Handwerksmeister.
Die schicksalhafte Gleichstellung von Patriziern, Plebejern, Freigelassenen und Sklaven in der Krankheit führte zur Zerstörung des Glaubens an die tradierten transzendentalen Autoritäten, die seit unvordenklichen Zeiten durch reiche Opfergaben gnädig gestimmt werden konnten. Selbst der posthum vergöttlichte oder der zu Lebzeiten göttliche Kaiser konnte seine Unterworfenen nicht schützen, - eine Beobachtung, die die Frage nach der Existenzberechtigung unfairer, weil durch Opfer nicht (mehr) beeinflussbarer Götter aufwarf. Die resultierende Glaubenskrise bereitete den Boden für neuartige, aus dem Osten kommende Religionen mit einem "mit-leidenden" und letztlich das Leid überwindenden höheren Wesen - eine Infektionskrankheit verstärkt in bislang nicht ermesslicher Weise die Wirkung des jungen Christentums in einer Zeit vielfältiger Umbrüche in der paganen Gesellschaft.

Resümee
Nach dem gegenwärtigen Stand des Wissens gibt es erhebliche mikrobiologische, genealogische und genetische Indizien für eine extensive Ausdehnung der lebensbedrohenden Malaria tropica auf der Apenninenhalbinsel während des antiken Klimamaximums 200-600 n.Chr. Die daraus resultierende, drastische Veränderung des Infektionsstatus und der Gesundheit der Bewohner Italiens führten zu einer Verstärkung von ökonomischen Krisen andere Genese, in Folge zum drastischen Bevölkerungsrückgang, zum folgenschweren Wertewandel und zum Verlust der Sicherheit im gemeinschaftlichen Leben. Wenn auch vermutlich hauptsächlich indirekt über den Traditionsverfall trug die Malaria mit hoher Wahrscheinlichkeit einen bemerkenswerten Anteil zum Niedergang des Römischen Imperiums bei.

Referenzen
[1] D. Soren, Can Archaeologists Excavate Evidence of Malaria, World Archaeology 35, 2003, 193-209.
[2] R. Sallares - A. Bouwman - C. Anderung, The Spread of Malaria to Southern Europe in Antiquity: New Approaches to old Problems, Medical History 48, 2004, 311 - 328.
[3] J.P. Nozais, The Origin and Dispersion of Human Parasitic Diseases in the Old World (Africa, Europe and Madagascar), Memórias do Instituto Oswaldo Cruz 98, 2003, 13-19.
[4] R. Sallares, Malaria and Rome: A History of Malaria in Ancient Italy (New York 2002).
[5] H. Feldmeier, Malaria, in: H. Schadewaldt (Hrsg.), Die Rückkehr der Seuchen (Köln 1994) 157-186.
[6] E.G. Nauck, Lehrbuch der Tropenkrankheiten (Stuttgart 1975) 126-161.
[7] A.P. Waters - D.G. Higgins - T.F. McCutchan, The Phylogeny of Malaria: A Useful Study, Parasitology Today 9, 1993, 246-250.
[8] A. Hassl, Die Malaria im Römischen Kaiserreich: Eine bemerkenswerte Textstelle in den Digesten, Wiener Klinische Wochenschrift 120 [Suppl 3] (im Druck).
[9] W. McNeill, Seuchen machen Geschichte (München 1978).
[10] B.D. Prescott, Malaria: Malady of the Marshes, The Scientific Monthly 57, 1943, 452-456.
[11] R. Volker - M. Sommer, Rom. Geschichte der Ewigen Stadt (2008).
[12] G.B. White, Systematic Reappraisal of the Anopheles maculipennis Complex, Mosq Syst 10, 1978, 13-44.
[13] N. Ponçon - C. Toty - G. L'Ambert - G. Le Goff - C. Brengues - F. Schaffner - D. Fontenille, Biology and Dynamics of potential Malaria Vectors in Southern France, Malaria Journal 6, 2007, 18-26.
[14] S. Winkle, Geißeln der Menschheit: Kulturgeschichte der Seuchen (Düsseldorf, Zürich 1997).
[15] E. Ackerknecht, Geschichte der Medizin (Stuttgart 1979).
[16] R. Sallares - S. Gomzi, Biomolecular Archaeology of Malaria, Ancient Biomolecules 3, 2001, 195-213.
[17] A.A. Escalante - O.E. Cornejo - D.E. Freeland - A.C. Poe - E. Durrego - W.E. Collins - A.A. Lal, A monkey's tale: The origin of Plasmodium vivax as a human malaria parasite, PNAS 102, 2005, 1980-1985.

© Andreas Hassl
This article should be cited like this: A. Hassl, Das Wechselfieber in der römischen Antike, Forum Archaeologiae 47/VI/2008 (http://farch.net).


 
Hassl codice tertio operis rei antiquae causa
Die Malaria im Römischen Kaiserreich: Eine bemerkenswerte Textstelle in den Digesten.

Die Bedeutung der Malaria für den Niedergang und den letztendlichen Zerfall des Weströmischen Kaiserreiches wird kontrovers bewertet. Wahrscheinlich ist, dass Festlandeuropa zum Ende der letzten Vereisung Malaria-frei war, und unbestritten ist, dass um 600 n. Chr. die Apenninenhalbinsel ein substantiell entvölkertes, endemisches Malariagebiet war. Die Einwanderung dreier der vier humanpathogenen Plasmodienarten fand höchstwahrscheinlich zu unterschiedlichen Zeitpunkten und mit sehr unterschiedlichen Auswirkungen auf die antiken Gesellschaften statt. Eine Textstelle aus den Digesten Justinians (D 21,1,1,8), vom spätklassischen Juristen Ulpian (ca. 170 - 223 n. Chr.) verfasst, beleuchtet punktuell in Raum und Zeit die Malariasituation der sozialen Unterschichten in Rom und rund um die Millionenstadt. Das Zitat besagt

verkürzt, dass "eine alte Quartana, um die man sich nicht mehr kümmern muss, kein Rechtsgrund ist, um eine Mangelgewährleistung für am Markt gekaufte Sklaven zu erlangen". Daraus lässt sich ableiten, dass zur Wende vom zweiten zum dritten nachchristlichen Jahrhundert Quartana-Rekrudeszenzen den medizinischen Normalzustand von Menschen aus der sozialen Unterschicht Roms und der Umgebung darstellten. Während also Plasmodium malariae zu jener Zeit zum festen Bestandteil der humanen Parasitenfauna in Latium gehörte, entfalteten die Malaria tropica und die Malaria tertiana zumindest noch keine derartig entvölkernden, ökonomisch und sozial verheerende Wirkungen wie wenige Jahrhunderte später, obgleich das Vorkommen zumindest eines effektiven Vektors gesichert ist.

Die wohl prominenteste Erstbeschreibung einer Infektion mit einem parasitischen Wurm - Dracunculus medinensis - und deren Behandlung Dracunculus(siehe Bild rechts) findet sich im Alten Testament, Moses 21:4-9
21:4 Und sie brachen auf vom Berg Hor, auf dem Weg zum Schilfmeer, um das Land Edom zu umgehen. Und die Seele des Volkes wurde ungeduldig auf dem Weg;
21:5 und das Volk redete gegen Gott und gegen Mose: Wozu habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Damit wir in der Wüste sterben? Denn es ist kein Brot und kein Wasser da, und unserer Seele ekelt es vor dieser elenden Nahrung.
21:6 Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk, und sie bissen das Volk; und es starb viel Volk aus Israel.
21:7 Da kam das Volk zu Mose, und sie sagten: Wir haben gesündigt, dass wir gegen den Herrn und gegen dich geredet haben. Bete zu dem Herrn, dass er die Schlangen von uns wegnimmt! Und Mose betete für das Volk.
21:8 Und der Herr sprach zu Mose: Mache dir eine Schlange und tu sie auf eine Stange! Und es wird geschehen, jeder, der gebissen ist und sie ansieht, der wird am Leben bleiben.
21:9 Und Mose machte eine eherne Schlange und tat sie auf die Stange; und es geschah, wenn eine Schlange jemanden gebissen hatte und er schaute auf zu der ehernen Schlange, so blieb er am Leben.


Parasiten und Anderes in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Jauche- und Abfallgruben

 
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Die Grabungen des ÖAI im ehemaligen Benediktinerkloster (Schloss) Mondsee V: Interdisziplinäre Auswertung des Inhalts einer neuzeitlichen Jauchekiste: Archeomikrobiologie

Der schwarze, feinkörnige, nach Schwefelwasserstoff riechende Inhalt der bei archäologischen Ausgrabungen im Bereich des Wirtschaftshofes des ehemaligen Klosters Mondsee gefundenen, mutmasslichen Jauchegrube wurde an 18 unterschiedlich gelagerten Stellen auch mikrobiologisch untersucht. Da die Grube mit Eichenbohlen eingefasst, mit Schotter abgedeckt war, ist eine Kontamination des Inhalts mit rezentem Tierkot, Fäkalien unwahrscheinlich. Aufgefundene Parasitenstadien stammen daher mit grosser Wahrscheinlichkeit aus der Zeit der Nutzung der Grube, geben einen Hinweis auf den Verwendungszweck des Gebäudekomplexes. Je ca. 10 cm3 Probenmaterials wurde mehreren Aufschwemmungs-, Zentrifugationsschritten unterzogen, der konzentrierte Bodensatz mikroskopiert. Dabei wurden teilweise hervorragend erhaltene Eier veterinärmedizinisch relevanter Darmparasiten gefunden (Bild). Einige Eier konnten an Hand morphologischer Merkmale relativ sicher bestimmten Nutztierparasiten-Arten zugeordnet werden,

so konnten dann die Wirtstierarten bestimmt werden. In die Grube gelangte Kot von Hausgeflügel, Hunden und/oder Katzen, sowie von Ovicaprinen oder Kaninchen. Dieser Befund entspricht weitestgehend jenem der Knochenfunde, mit der Ausnahme des Fehlens von spezifischen Parasiten von Rindern und von jagdbaren Zweihufern. Dieser Umstand spricht mehr für das Vorliegen einer Küchenabfallgrube mit einem natürlichen Eintrag der Parasitenstadien durch freilaufende, futtersuchende Haustiere denn für eine geordnete Stallmist- und/oder Schlachtabfalldeponie. Die mikrobiologische Untersuchung von Bodenproben bei archäologischen Grabungen kann beim Vorliegen günstiger Umstände der Fundlage konventionell erarbeitete Befunde bestätigen oder in Zweifel ziehen. Die Leistungsfähigkeit der derzeitig übliche Untersuchungsmethoden von morphologischen Merkmalen wird allerdings durch die alleinige Erhaltung von hartschalign (Parasiten-)Stadien stark eingeschränkt, gentechnologische Verfahren werden künftig den Nachweis eines breiteren Artenspektrums von Erregern erlauben.
 
Hassl codice tertio operis rei antiquae causa
Austernschalen und Schildpatt -Hinterlassenschaften eines gehobenen Lebensstils in den "Stöcklhäusern" am Wiener Michaelerplatz

Obgleich die Funde aus tatsachenwissenschaftlicher Sicht nur anekdotischen Charakter besitzen und nicht systematisch verwertbar sind, werfen sie doch ein Schlaglicht auf das Leben der Bewohner der Häuser dicht neben der Kaiserresidenz in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: zum Schlürfen rohe Austern und zum Logieren

mit Schildpatt dekorierte Einrichtungsgegenstände. Der gehobene Lebensstil ist aufgrund der prominenten Lage der Häuser erklärbar, weniger konvenierend, ja ein wenig peinlich erscheinen da derbe Stilbrüche - selbst wenn sie erst nach mehr als zwei Jahrhunderten und namenlos durch "Abfalldurchwühlen" ans Licht kommen.

Parasiten und Philosophisches

 
Hassl libello tertio membranarum rei philosophiae causa
Bioethik in der Parasitologie: eine Einführung

Bioethische Überlegungen beeinflussen zunehmend mehr den Prozess der Integration naturwissenschaftlicher und medizinischer Erkenntnisse in die Moralvorstellungen einer Gesellschaft und über diese letztendlich in den Gesetzesbestand. In der Tatsachenwissenschaft Parasitologie ergibt sich ein Bedarf an einem gesellschaftlichen Konsens auf den Gebieten des Artenschutzes, der roten Biotechnologie,

der humanen Pränataldiagnostik und der Tierversuche. Das gemeinsame Kernproblem ist der gesellschaftliche Wert der Würde eines Individuums und die damit verknüpfte Frage der Zulässigkeit einer Instrumentalisierung von Lebewesen. Die Verantwortung des Menschen gegenüber anderen Lebewesen, in diesem Fall Parasiten und deren Wirte, wird in einer Bioethikdiskussion thematisiert.

© Andreas Hassl opus vindobonensis fabricavit AD MMI
mutatio ultima: 06.02.12 VS 17.03