Leseprobe2

Das Buch Ruth – ein Frauenbuch.
Ruths Bindung an eine Frau, Noomi

Das Buch Ruth ist nicht nur von seinem Titel her ein Frauenbuch, es thematisiert auch Lebenszusammenhänge und Beziehungen von Frauen. Der Teil des Texts, der am häufigsten zitiert wird, kommt bald, nachdem die LeserInnen erfahren haben, dass Noomi, "die Liebliche", ihren Mann und ihre zwei Söhne wegen einer Hungersnot in Juda nach Moab begleitet hat. Dort konzentriert sich die Geschichte auf die Frau Noomi, da nicht nur deren Mann, sondern auch beide inzwischen mit MoabiterInnen verheirateten Söhne sterben. Da sie gehört hat, dass die Hungersnot in ihrem eigenen Land wieder vorbei sei, entschließt sich Noomi wieder nach Betlehem zurückzukehren – Noomi ist nun eine "bittere" Frau in der sozial überaus schwachen Position einer kinderlosen Witwe, welche auf ihre Verwandtschaft in Juda hofft. Auf dem Weg zurück nach Betlehem findet der bekannte Dialog zwischen ihr und ihren beiden Schwiegertöchtern statt. Noomi rät ihnen, nicht mit ihr nach Juda zu kommen, sondern zu deren eigenem Volk zurückzukehren. Das mag deshalb sein, weil Noomi entweder besorgt ist, dass ihre Schwiegertöchter Ruth und Orpa, die das Leben noch vor sich haben, nicht in ihr Unglück mit hineingezogen werden könnten, oder weil sie Ressentiments gegen die Moabiterinnen hat und Ruth sich durch ihr Vertrauen als "Klotz am Bein" für Noomis Zukunft bei ihrer Rückkehr nach Juda erweisen könnte, oder weil sie weiß, dass dass sie die Versorgung der beiden jungen Frauen nicht übernehmen kann. Noomi wünscht ihren Schwiegertöchtern ein glückliches Leben durch Heirat mit moabitischen Männern, ob ernst gemeint oder nicht.

Es kommt jedoch nicht wie bei der Abschiedsszene zwischen David und Jonatan in 1 Sam 20, 41 zu einer endgültigen Trennung aller drei Frauen. Sowohl Ruth als auch Orpa hängen an Noomi und lassen sich nicht zurückschicken. In einem zweiten Überzeugungsversuch führt Noomi die Möglichkeit einer Leviratsehe für die beiden ad absurdum, woraufhin die eine der beiden Schwiegertöchter, Orpa, ihren Rat annimmt und umkehrt, die andere, Ruth, sich jedoch weigert. Orpa wird von Noomi als Vorbild dargestellt. Trotzdem lässt sich Ruth nicht abhalten und bindet sich an Noomi mit den berühmten Worten:

                          "Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen
                          und von dir umkehren sollte.

                               Wo du hin gehst, da will ich auch hin gehen;
                               wo du bleibst, da bleibe ich auch.

                                    Dein Volk ist mein Volk,
                                    und dein Gott ist mein Gott.

                               Wo du stirbst, da sterbe ich auch,
                               da will ich auch begraben werden.

                         Jhwh tue mir dies und das,
                         nur der Tod wird mich und dich scheiden."

Im Zentrum von Ruths Antwort an Noomi steht, dass sie es vorzieht, Noomis am und Ĕlohîm anzunehmen, was traditioneller Weise als Konversion interpretiert worden ist. Das ist aber nicht möglich, weil Ruth sich nicht zuallererst einer neuen Religion anschließt, sondern sich bedingungslos an eine andere Person bindet. Was könnten die Motive Ruths dafür sein? Es könnten altruistische Gründe gewesen sein, sie wollte sich um eine aller Voraussicht nach zukunftslose alte Frau kümmern.

Nach Angelika Winterer soll den LeserInnen durch die Schilderung von Ruths Verhalten exemplarisch vor Augen geführt werden, was es heißt, sich bedingungslos- und selbstlos für andere Menschen zu engagieren. Ich teile jedoch nicht ihre Sichtweise, einen absoluten Widerspruch zwischen vorbildhaftem solidarischem Handeln Ruths und möglicherweise einem, welches aus erotischer Attraktivität Noomis resultiert, zu konstruieren. Ruths Verhalten kann hier, muss aber nicht zwingend allein als ein vollkommen uneigennütziges angenommen werden. Meiner Meinung nach bieten die Texte der Hebräischen Bibel insgesamt keinen Grund zur Annahme, dass eine erotische motivierte Frauenbeziehung kein vorbildhaftes Verhalten von Frauen darstellen könnte. Es ist auffallend, dass dort, wo eine Frau ausnahmsweise die Hauptfigur in einem biblischen Text darstellt, die sich durch ihre Treue auszeichnet, auch erzählt wird, dass sich diese an eine andere Frau bindet, wobei aus der Sicht damaliger wie heutiger LeserInnen diese Bindung in nicht auszuschließender Weise als erotisch motivierte verstanden worden sein bzw. werden kann.

Ruths Verhalten kann an dieser Stelle jedoch unterschiedlich interpretiert werden. Ruth könnte sich auch gedacht haben, dass nach ihrer Eskapade mit den Gästen aus Juda und nach den Jahren der Kinderlosigkeit ihre Chancen auf eine zweite Heirat und auf die damit einhergehende menûha, die Heimat durch Verheiratung, tatsächlich gering waren. Wenn das so wäre, dann könnte ihre religiöse Äußerung dieselbe Art von "erzwungener Frömmigkeit" darstellen, die auch bei Noomi vermutet werden konnte, als sie die moabitischen Frauen zurücksandte, was bedeutete, dass sie von der Bedrohung ihrer moabitischen Verbindung loszukommen versuchte. Ruth könnte versuchen, Noomi zu überreden, ihr aus ihrer misslichen Lage zu helfen. Sie könnte auch auf Nummer sicher gehen wollen, da Noomis Gott ziemlich gefährlich jenen gegenüber erscheint, die sich in Moab mit ihm verbunden haben. Es wäre also auch möglich, dass ihre Annahme Jhwhs eher ein Eigeninteresse als eine Glaubensangelegenheit darstellte. Eigennützig oder nicht, dieser Schritt stellt keine tatsächliche Konversion dar, weil er von ihrer Bindung an Noomi abhängt, welche eine Nachfolge nicht nur allein nach Betlehem nach sich zieht. "Wo du hin gehst, da will ich auch hin gehen". Ruth folgt nicht Noomi, um judäisch zu werden, sondern sie wird eine Judäerin als Resultat ihrer Nachfolge Noomis. Auf eine Aussage über Religion angewandt bedeutet dies, dass Ruth nicht Noomi nachfolgt, damit sie Jhwh annimmt (oder weil sie Jhwh schon angenommen hat), sondern sie erkennt Jhwh als Resultat der Nachfolge Noomis an. Noomi könnte sich auch an eine andere Gottheit anschließen, und Ruth wäre an diese gebunden. Dies bedeutet auch, dass Ruths Treue, hésed, ihren Glauben hervorruft und nicht umgekehrt. Indem Ruth Noomis Gott für ihren Gott erklärt, bedeutet dies, dass sie sich auf Jhwh konzentriert. Der jahwistische Schwur zeigt nicht mehr, als dass sie die Standardformel der Leute von Juda akzeptiert hat.

Der wunderschöne Ausspruch Ruths in Ruth 1,16f., der sowohl in verschiedenen Kirchen oft als Heiratsversprechen verwendet wird als auch als traditionelles jüdisches Ehegelübde üblich ist, richtet sich nicht an einen gegengeschlechtlichen Partner, sondern an eine Frau. Aus gutem Grund wird diese Erklärung Ruths als Hauptteil von Hochzeitsfeierlichkeiten genommen. Sie geht sogar über die Aussage – "bis der Tod uns scheidet" – eines Eheversprechens hinaus, um eine unabänderliche Bindung und dauerhafte Treue zu deklarieren. Nirgendwo sonst in der Bibel und kaum in anderer Literatur findet sich eine bewegendere Darstellung von Liebe und Treue. Es ist dies jedoch die Erklärung einer Frau einer anderen gegenüber, welche zum Vorbild und zum Ausdruck für traditionelle heterosexuelle Ehe geworden ist.

Dies ist nicht einfach zufällig oder unbegründet. LeserInnen mögen aufgrund der gleichen Formulierungen im Buch Ruth und Genesis den heterosexuellen Ehestand assoziieren:

Über Ruth wird gesagt:

Ruth 2,11                                  Genesis 2,24a

             "... dass du deinen Vater            "Darum wird ein Mann
             und deine Mutter und                  seinen Vater und
             dein Geburtsland                        seine Mutter
             verlassen hast ...";                     verlassen ..."

Und von Ruth wird erzählt:

Ruth 1,14                                   Genesis 2,24b

             "Ruth hängte sich (fest)              "... und seiner Frau
             an sie [Noomi] ..."                      (fest) anhangen,
                                                             und sie werden
                                                             ein Fleisch sein."

LeserInnen mögen mit der Formulierung von Gen 2,24b Begehren und Lust assoziieren, welche die Hebräische Bibel dem Verhältnis zwischen einem Mann und seiner Frau zugeschrieben hat. Gerade der berühmte Vers 2,24 der Genesis wird aber aufgegriffen, um das Verhältnis der beiden Frauen Ruth und Noomi zu beschreiben. Wenn Ruth "sich an Noomi hängt" und mit ihr geht und dabei "ihren Vater und ihre Mutter und ihr Geburtsland verlässt", tritt sie an die Stelle eine Manns. Patriarchale Ehevorstellungen kritisierend kann gesagt werden, dass diese sowohl die Textstellen Gen 2,24 als auch Ruth 1,14 benutzen. Ruth durchbricht aber mit ihrer Erklärung die Regeln einer patriarchal geordneten Gesellschaft. Für eine solche wäre es typisch, dass sie für eine Frau nur die absolute Bindung an einen Mann vorsieht, dass sie ein wohlbegründetes Interesse hat, Beziehungsmuster unter Frauen gering zu achten, oder dass sie gar nur das Verhaltensmuster der Rivalität um den gesellschaftlich höherwertigen Mann bereithält. Das Buch Ruth ist auch in der Hebräischen Bibel die Ausnahme bezüglich der Frauenverhältnisse, da diese ansonsten vor allem wie z.B. Sara und Hagar oder Rachel und Lea als Rivalinnen und Gegenspielerinnen auftreten. Schwiegermutterkonflikte sind im Patriarchat ein überaus willkommenes Instrumentarium, um Frauen von gegenseitiger Solidarität und vom Zusammenschluss zugunsten weiblicher Interessen abzuhalten und so zu verhindern, dass Frauen gegen den Androzentrismus gemeinsam – und daher gestärkt – sich zur Wehr setzen.

(Text ohne Fußnoten)

 

He Qis Malerei "Ruth and Naomi", China 2000,
stellt die Verbundenheit der beiden Frauen Ruth und Noomi
zusammen mit der abgewandten Orpa dar (vgl. Ruth 1,16f).

Vgl. http://www.bible-art.info/Ruth.h28.jpg, vom 5.6.2009.

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