Psychologisches Gutachten 3

 
Übung: UE zu Diagnostik II
(Prof. Dr. Klaus Kubinger SS 97)
verfaßt von Joachim Pötz
 

Zur Testung mußten eine Persönlichkeits-Fragebogenbatterie und zwei spezielle Persönlichkeitsfragebogen vorgegeben werden.
 

Zur Bewahrung der Anonymität der Testperson wurde sowohl der Name als auch wichtige Details aus dem Lebenslauf geändert!!

 
Betrifft: Psychologische Begutachtung von Herrn Klaus W., geb. am 09. September 1979 in Wien. Zur Fragestellung des Probanden, ob ob ihm die Ausbildung zum Linienpiloten hinsichtlich seiner Persönlichkeit anzuraten sei.

 

 
Inhalt:
 

1. Bisheriger Sachverhalt *

2. Anamnestische Daten *

3. Die psychologische Testung *

4. Stellungnahme zur Fragestellung *

5. Zusammenfassung *

6. Anhang *
 
 

 

1. Bisheriger Sachverhalt

 
Klaus W. besuchte zuletzt die 8. Klasse AHS (realistischer Zweig) und hat die Matura vor kurzem erfolgreich abgelegt. Klaus hat sich in seiner Freizeit stets gerne dem Modellbau von Flugzeugen und Schiffen gewidmet. Auch sein Spezialgebiet bei der Matura betraf das Thema Aerodynamik. Aufgrund seiner Interessen zählte Linienpilot schon immer zu seinen "Traum-berufen". Bei der kurz zuvor erfolgten Musterung war ihm auch "Fliegertauglichkeit" bescheinigt worden. Hierbei wurden vom Bundesheer die üblichen körperlichen Voraussetzungen (Sehvermögen, Lungenfunktion, physische Belastbarkeit etc.) medizinisch abgeklärt. Er weiß allerdings auch, daß einen Piloten hohe perönlichkeitsmäßige Anforderungen (z.B. Streß) erwarten. In den Sommerferien wandte sich Klaus schließlich an mich, um die Frage zu klären, ob ihm überhaupt in Hinblick auf seine Persönlichkeit die Ausbildung zum Linienpiloten zu empfehlen sei.

 
Die konkrete Fragestellung lautet:

Ist Klaus W. die Ausbildung zum Linienpiloten hinsichtlich seiner Persönlichkeit anzuraten?

 
 

2. Anamnestische Daten

 
 2.1. Zur familiären Situation
 

Klaus ist der jüngere Sohn von insgesamt zwei Kindern der Eltern Felix W. und Maria L. Seine Eltern ließen sich scheiden, als Klaus 7 Jahre alt war. Sein Vater hat ab diesem Zeitpunkt nicht mehr geheiratet und lebt momentan auch mit keiner Frau zusammen. Seitdem lebt Klaus bei seinem Vater Felix W. (50 Jahre alt), der als Diplomingenieur bei den Wiener Stadtwerken arbeitet. Seine Mutter Maria L. hat wieder geheiratet und arbeitet zur Zeit als Lehrerin an einer Wiener Volksschule. Sein Bruder Franz ist 20 Jahre alt und ist seit seinem HTL-Abschluß als Elektronikfachmann bei Grundig Wien tätig. Die Familie lebt in einer großen Eigentumswohnung in Wien.

 
Mit seinem Vater versteht sich Klaus nicht besonders gut: "Es gibt andauernd Streitereien, oft wegen Kleinigkeiten." meint Klaus dazu. Zu seiner Mutter hat Klaus keinen Kontakt mehr - sie wollte mit der Heirat ein neues Leben anfangen. Klaus weiß nicht noch genau, daß ihn die Scheidung sehr belastet hat. Zum jetzigen Zeitpunkt verspüre er allerdings nicht das Verlangen, wieder mit seiner Mutter in Kontakt treten zu wollen. Zu seinem Bruder hat er ein ausgesprochen gutes Verhältnis, mit ihm verbringt er viel Zeit. Außerdem hat Klaus zwei sehr enge Freunde, die er schon seit frühester Kindheit kennt. Mit ihnen betreibt er sehr viel Sport (Radfahren, Reiten, Tanzen und Billiardspielen). Klaus unternimmt auch gerne Reisen, wobei es ihm egal ist, ob es sich um "luxuriöse", von seinem Vater finanzierte Reisen, oder um schlichte "Rucksackausflüge" handelt. Zu seinem Hobbies zählt der Computer. Er ist nicht nur Anwender, sondern bastelt gemeinsam mit seinem Bruder auch eifrig an Hardwareteilen herum. Klaus hat sich schon immer für das Basteln von Modellschiffen und -flugzeugen interessiert. Gemeinsam mit seinem Vater und seinem Bruder hat er schon unzählige Modelle gebaut, die teilweise sogar mit selbst konstruierten Motoren ausgestattet sind.
 

       

2.2. Die Schulische Entwicklung

 
Im Kindergarten war Klaus ein eher ruhiges Kind, während er in der Volksschule bereits sehr aufgeweckt war aber nie frech wirkte, sondern durch seine Wißbegierde und Natürlichkeit positiv auffiel. Nach der Volksschule besuchte Klaus den realistischen Zweig eines Gymnasiums im 9. Bezirk. Bis zur 7. Klasse hatte er nie Probleme in der Schule. Erst in der 8. Klasse traten einige Schwierigkeiten in Mathematik und Englisch auf, die er aber mit Hilfe eines Nachhilfelehrers wieder korrigierte. Seine Probleme in Englisch führt er auf einen Lehrerwechsel zurück, nach dem er plötzlich wesentlich schlechter beurteilt wurde. In Mathematik sei er lediglich zu faul gewesen, da ihn die theoretische Mathematik nicht so sehr interessiere als die naturwissenschaftlich-technische, also angewandte Mathematik. Er maturierte schließlich ohne große Probleme. Am besten schnitt er in Physik (Note "Sehr Gut") ab, in Chemie bekam er ein "Gut", in Mathematik, Deutsch und Geschichte ein "Befriedigend" und im Gegenstand Englisch die Note "Genügend". Sein Spezialthema im Fach Physik lautete "Die Wirkung der Aerodynamik bei Flugzeugen".
     

     

3. Die psychologische Testung

 

3.1. Die Auswahl der Tests

Zur generellen Persönlichkeitscharakterisierung wählte ich die Deutsche Personality Research Form den Schluß auf Persönlichkeitsmerkmale wie Risikomeidung, oder Bedürfnis nach Abwechslung erlaubt. Den Streßverarbeitungsbogen (SVF) setzte ich ein, um zu erfahren, mit welchen Bewältigungsstrategien Klaus auf Streß reagiert. Mit dem Entscheidungs-Q-Sort (EQS) möchte ich die Unentschlossenheit, Rationalität in Entscheidungssituationen und das Risikoverhalten überprüfen.

 
 

3.2. Die Testergebnisse

 

PRF

Dieser Persönlichkeitsfragen dient der für den Alltag relevanten Charakterisierung der Persönlichkeit des Probanden in Hinsicht auf verschiedene Aspekte des Leistungs- und Sozialverhaltens.

 

Unauffällige Ergebnisse:
 
Bei den hier angeführten Subtests erreichte Klaus im Vergleich zu anderen Burschen im Alter von 17-19 Jahren durchschnittlich ausgeprägte Werte (Stanine-Werte 4-6).
 

 

Auffällige Ergebnisse:
 
Die im folgenden angeführten Ergebnisse zeichnen sich dadurch aus, daß sie bei der Vergleichspopulation entweder stärker oder schwächer ausgeprägt sind (die Stanine-Werte liegen hier in den Bereichen von 1-3 bzw. 7-9).
 

 

 

SVF

Dieser Test dient der Erfassung der Tendenz, in Belastungssituationen mit bestimmten Streßbewältigungsstrategien zu reagieren.

 
Unauffällige Ergebnisse:

Die folgenden Ergebnisse der angeführten Subtests entsprechen dem Durchschnitt der Vergleichspopulation (T-Werte 40-60):

 
Auffällige Ergebnisse:

Bei den hier angeführten Ergebnissen zeigt Klaus im Vergleich zur Normstichprobe entweder einen unterdurchschnittlichen (T=20-40) oder einen überdurchschnittlichen (T=60-80) Wert.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß Klaus Streß vor allem durch Ersatzbefriedigungen, Aggression, Pharmakaeinnahme und soziale Abkapslung zu bewältigen versucht. Eher weniger wird er versuchen, auf Streß in Form von Bagatellisierung, Schuldabwehr, positiver Selbstinstruktion oder Flucht zu bewältigen.

 

EQS
Der EQS ist ein Test zur Messung der Entscheidungsfähigkeit.

 

Faktor 1: (Stanine-Wert=3)
Klaus zeigt hier eine gute Entschlossenheit und Entscheidungssicherheit sowie eine hohe Bereitschaft zu Entscheidungen.

Faktor 2: (Stanine-Wert=5)
Die Rationalität in Entscheidungssituationen, das gründliche Abwägen von Alternativen und die genaue Antizipation der möglichen Folgen einer Entscheidung ist bei Klaus durchschnittlich ausgeprägt.

Faktor 3: (Stanine-Wert=3)
Klaus tendiert zu hoher Entschlußfreudigkeit und der Realisierung von Handlungsvornahmen. Auch ein Wagnis zum Risiko ist feststellbar.
 

 
 

4. Stellungnahme zur Fragestellung

 

Den Testergebnissen der PRF zufolge scheint es sich bei Klaus um einen rational denkenden und sehr ausdauernden Menschen zu handeln. Er gibt auch bei großen Schwierigkeiten nicht auf, ist sehr vorsichtig und vermeidet Risiken. Als Pilot käme ihm sicher zu Gute, daß er spontan die Rolle des Anführers übernehmen kann. Somit wäre er in schwierigen Situationen wahrscheinlich imstande, seine Autorität auch bei ständig wechselnden Crews zu behaupten und Aufgaben gezielt zu deligieren. Klaus steht durchschnittlich gerne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und dürfte auch deshalb nicht bloß aus Prestigegründen Pilot werden wollen, da er keinen besonderen Wert auf hohes Ansehen bei Bekannten legt.

Die Ergebnisse des SVF zeigen, daß Klaus in Streßsituationen nicht mit Bagatellisierung oder Flucht reagiert. Allerdings wird er auch nicht versuchen, Streß durch positive Selbstinstruktion zu bewältigen, sondern eher Auswege z.B. in Form von Pharmakaeinnahme oder Aggression suchen. Da Linienpiloten wohl nur in Extremsituationen unter akutem Streßeinfluß stehen (die meiste Zeit steuert der Autopilot das Flugzeug), dürfte der hohe Wert im Subtest Pharmakaeinnahme wohl nicht unmittelbar relevant sein. Andererseits ist durch die laufende Zeitumstellung, die ständige Umstellung auf andere Mitarbeiter etc. mit "täglichem" Streß zu rechnen. In einem kurzen Gespräch unmittelbar nach der Testung befragte ich Klaus dazu. Er meinte, er habe sich bei der Beantwortung dieser Fragen wohl zu sehr durch die Erinnerungen an die Maturafeier leiten lassen (s. Frage: "Wenn ich durch irgendetwas oder irgenjemanden beeinträchtigt, innerlich erregt oder aus dem Gleichgewicht gebracht worden bin ... trinke ich erst mal ein Glas Bier, Wein oder Schnaps." Antwort: "Sehr wahrscheinlich.").

Der EQS zeigt, daß Klaus äußerst entschlossen und entscheidungssicher ist.

 
 
 

5. Zusammenfassung

 

Aufgrund der psychologisch-diagnostischen Erhebung ist die Fragestellung, ob Klaus in Hinblick auf seine Persönlichkeit zur Ausbildung als Linienpilot geeignet ist, grundsätzlich mit ja zu beantworten. Die Testergebnisse zeigen z.B. gute Entschlußfähigkeit und das Meiden von Risiken. Auch ist Klaus als sehr entschlossen und entscheidungssicher zu bezeichnen. Zudem kommt sein großes Interesse an technischen Basteleien und an Flugzeugen im allgemeinen. Allerdings neigt Klaus dazu, Streßsituationen durch "Pharmakaeinnahme" (d.h. Alkohol und Zigaretten) anstatt durch positive Selbstinstruktion zu bewältigen. In diesem Zusammenhang ist mit Klaus noch im Rahmen der Testauskunft zu besprechen, ob er sich die Belastung durch den Streß, der mit der Ausbübung des Pilotenberufs einhergeht, auch wirklich zutraut.
 

 

6. Anhang

 
Das Gutachten wurde mit folgenden Worten abgeschlossen und unterschrieben:

"Ich versichere, dieses Gutachten nach sorgfältiger psychologischer Testung und nach genauer Erhebung der im Gutachten zu beurteilenden Tatsachen nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne der berufsethisch festgeschriebenen Richtlinien für die Erstellung Psychologischer Gutachten abgefaßt zu haben."
 

... und von einer Kollegin gegengezeichnet:
 

"Ich habe die Auswertung kontrolliert und befinde das Gutachten für sachlich richtig."
 

 
© Joachim Pötz 1998

 
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