KRAFTWERK: DIE MENSCH-MASCHINE IN DER STAHLSTADT
Donnerstag, 16.10.1997, 20 Uhr - KRAFTWERK. In der Besetzung Ralf
Hütter, Henning Schmitz, Fritz Hilpert und Florian Schneider gab die
Düsseldorfer Kultband im ausverkauften
Posthof
in Linz vor 1200, aus allen Teilen der Welt angereisten Fans eines Ihrer
rar gewordenen Konzerte. Zuletzt hatten Kraftwerk im Jahre 1993
der Stadt an der Donau anläßlich der "Ars Electronica" -
damals im Brucknersaal - Ihre Referenz erwiesen.
Nach einem vielbejubeltem Auftritt beim Rave-Festival
"Tribal Gathering" in Luton Hoo/GB im Mai dieses Jahres, war das
Gastspiel in Linz Ihr zweites Konzert nach fast vier Jahren Live-Abstinenz.
Und KRAFTWERK bewiesen, daß sie in den letzten Jahren nicht
geschlafen, sondern ganz im Gegenteil, "gewerkt" haben.
Sämtliche Songs klangen gut wie nie zuvor: Frischer und dynamischer,
mit neuen Klängen und Samples versetzt, die Bässe waren knackiger
und fetter - insgesamt viel härter, am Puls der Zeit eben, up to date.
Auch am Bühnenbild und an den Videos haben KRAFTWERK
gearbeitet - wenngleich die Veränderungen für den Laien kaum
erkennbar sind - Ralf, Florian & Co. haben Ihre Show perfektioniert.
Gratulation!
Die Show begann wie gewohnt (und mit 15minütiger Verspätung):
Zuerst ca. fünfminütiges leises
Elektronikgeglucker aus den Boxen, danach verkündete die altbekannte Vocodervoice:
"Meine Damen und Herren, ladies and gentlemen, heute Abend aus
Deutschland - die Mensch-Maschine: KRRRAFTWERRRK!".
Eine computergenerierte Stimme zählte
"1...2...3...4...5...6...7...8", ein harter, schneller Rhythmus
setzte ein, der Vorhang öffnete sich, die Beleuchtung flammte auf
und tauchte die Bühne in grelles, weißes Licht.
Vier schwarzgekleidete Gestalten betraten emotionslos die Bühne -
Ralf, Henning, Fritz und Florian - in alter Traditon starteten KRAFTWERK
mit "Nummern". Der Sound? Bombastisch!
Gewaltige Bässe ließen den Konzertsaal erbeben.
Dann: "Computerwelt"! Applaus brandete auf, während "Interpol",
"FBI" und "Deutsche Bank" in grobpixeliger Schrift synchron
über die vier Videoschirme flimmerten. Mit einer Gelassenheit bedienten KRAFTWERK,
die während des Konzerts getreu Ihrem Motto "Wir sind die Roboter" steif wie
"Schaufensterpuppen" hinter Ihren Konsolen standen, Ihr elektronisches
Instrumentarium, das "Kling-Klang Studio" und verwalteten die
Klänge.
Cool und fast unbeweglich betätigten sie Knöpfe und drehten Regler
Ihrer riesigen Musikmaschinen, die einen Hauch von Raumschiff Enterprise
vermitteln, und erweckten so die "Mensch-Maschine" zum Leben.
Die musikalische Version des Films "Metropolis" mit der Technik
von morgen.
Unzählige kleine Schalter und dutzende blinkende Lämpchen, deren
Funktion man durchaus in Frage stellen kann - vielleicht ist alles nur Show,
weil die Musik ohnehin per MIDI vorprogrammiert, aber andererseits laut Ober-Kraftwerker
Herrn Hütter trotzdem live ist...auf jeden Fall: Faszinierend!
Ein KRAFTWERK-Konzert läuft ab wie eine perfekt geölte und gewartete
"TEE"-Lokomotive, die elektronischen Instrumente sind KRAFTWERK's Fabrik
über die sie als Musik-Arbeiter wachen und in deren Klang-Produktion
sie ab und zu eingreifen, Klänge verändern und verfremden, Samples hinzufügen,
ohne dabei die Kontrolle zu verlieren.
"Fabriksmusik", die trotzdem nicht nach muzak'scher
Fließbandproduktion klingt, sondern sich Ihre Einzigartigeit bewahrt hat.
Auch wenn es diesmal einige kleine unvorhergesehene Pannen
gab - wie z.B. eine klemmende Videowand und drei defekte Roboter bei
"Robotronik" - tat das dem Erlebnis keinen Abbruch.
Plötzlich: Eine zugeschlagene Autotür, ein startender Motor -
endlich, der Klassiker klingt, vom Publikum mit stürmischem Jubel kommentiert, aus den
Boxen - "Autobahn" - nie klang es schöner als in der
aktuellen Version. Einfach traumhaft! Es gab aber nicht nur bekannte, klanglich auf den
Techno-Sound des ausklingenden Jahrtausends upgedatede Songs, KRAFTWERK präsentierten
überraschenderweise auch neues Material, darunter zwei Premieren, das durchaus
Hoffnung auf das bald erscheinende Album weckte. Drei neue Songs, zwei davon (noch?) ohne
Video, alle instrumental:
Ein herrlich finster-düsterer Techno (Trance?)-Song, ein brasilianisch angehauchtes
Ethno-Lied mit beschwingt-simpler Melodie und ein cooles Electronic-Stück, welches
an "Robotronik" und "Heimcomputer" erinnerte -
dieses hatte ja schon in Luton seine vielumjubelte Premiere erlebt.
Allen drei gemein ist der massive Einsatz von satten Bässen und fetten Beats. Goes KRAFTWERK
Drum 'n' Bass? Beim Soundcheck des zwei Tage später stattfindenden KRAFTWERK-Konzerts
im Karlsruher ZKM wurden zwei weitere neue, vom Stil her jedenfalls ähnliche Songs gespielt.
Songs und Sounds die durchaus zeigen, wo es in nächster Zeit musikalisch langgehen
könnte - wenngleich KRAFTWERK vielleicht nicht mehr jenen kreativen Output haben, und
sie es heutzutage schwerer haben, Ihre - sowohl in musikalischer als auch technischer
Hinsicht - Vormachtsstellung zu behaupten, als in der Vergangenheit. Trotz einiger
kritischen Stimmen, die den neuen Tracks nichts abgewinnen können oder wollen -
mir persönlich gefallen sie sehr gut. Was heißt gut - phänomenal,
möchte ich fast sagen.
Zu den Neuerungen des Jahres 1997 zählen auch die feschen schwarzen
Neopren-Anzüge, die bei den letzten beiden Songs mit Schwarzlicht
angestrahlt werden und die Körper der Musiker wie grüne
3D-Gittermodelle aussehen lassen, die an die Computergrafiken von
"Musique Non Stop" erinnern und die Musiker mit diesen
fast verschmelzen lässt.
Alles in allem haben KRAFTWERK somit nichts von Ihrer Faszination und Ihrem
Mythos verloren, ein Live-Konzert ist immer noch ein einzigartig unvergessliches und lohnendes
Ereignis, das sich ins Gedächtnis brennt. Eine Legende meldet sich zurück:
KRAFTWERK - Ihre Musik und Ihre Roboter altern scheinbar nie.
Tracklist des Abends (Konzertlänge ca. 124 min.):
Nummern - Computerwelt - Heimcomputer - Die Mensch-Maschine - Tour De France - Autobahn - Ätherwellen - erster neuer unbekannter Song - Stop Sellafield Message/Radioaktivität - zweiter neuer unbekannter Song - Trans Europa Express/Abzug/Metall auf Metall - Taschenrechner - Die Roboter/Robotronik - dritter neuer Song (jener von Luton) - Musique Non Stop.
"Es wird immer weitergeh'n, Musik als Träger von Ideen...Musique Non Stop."
© by Georg Jajus 1997/1998 - Last update of this page: 03.03.98