Markus Hirnsperger
1. Einleitung
2. Zum Begriff „Pidgin“
3. Entstehung von Pidgin-Sprachen (allgemeine Theorie)
4. Eine russische Pidginsprache in genauerer Betrachtung (Russenorsk)
| 1. Einleitung: |
In
der folgenden Arbeit möchte ich auf eine Pidgin-Sprache eingehen,
die sich im arktischen Raum herausgebildet hat. Diese Sprache bezeichnet
man als Russenorsk, und sie wurde in Nordnorwegen gesprochen. Die Sprache
starb jedoch um 1917 aus. Weil die Sprache von wenigen Sprachforschern
untersucht wurde, sind die Zeugnisse über Russenorsk recht spärlich
gesäht.
Hauptsächlich
stütze ich mich auf den Artikel von Günter Neumann "Russennorwegisch
und Pidginenglisch, Beobachtungen zum Bau von Behelfsprachen", welcher
1965 in den "Nachrichten der Gießener Hochschulgesellschaft" erschienen
ist.
| 2. Zum Begriff „Pidgin“: |
Pidgin,
ist eine „reduzierte“ Sprache welche aus dem ausgedehnten Kontakt zwischen
Gruppen
von Menschen die keine gemeinsame Sprache besitzen resultiert. Pidgin tritt
auf, wenn verbaleKommunikation nötig ist (zum Beispiel für Handel)
aber keine Gruppe die jeweilige andere Sprache zur Gänze lernt. (HOLM
1988: 4f) Es bildet sich eine Mischsprache heraus und jede Gruppe paßt
sich mehr oder minder an die Sprache der anderen an, dabei werden unnötige
Elemente abgeworfen und der Wortschatz oft durch das Phänomen der
Umschreibung verkleinert. Man muß also Pidgin-Sprachen als neue,
eigenständige Sprachen betrachten und nicht als eine „falsche Form“
einer Sprache. Wenn zum Beispiel ein kaum deutsch Sprechender in
vereinfachtem Deutsch spricht so kann man dennoch nicht von Pidgin sprechen,
da Pidgin als eine Sprache mit festeren Strukturen gesehen werden muß
und gewisse Normen aufweist, die sich vom Jargon des schlecht deutsch Sprechenden
unterscheidet.
Wichtig
zu erwähnen ist weiters, daß Pidgin-Sprachen die Muttersprache
keines Sprechers sind, sondern erst in späterem Alter erlernt werden.
(NEUMANN 1965: 220)
Früher
sprach man bei Pidgin oft von einem Dialekt was sich allerdings nicht aufrechterhalten
läßt, da sich Pidgin-Sprachen oft sehr weit von den Ursprungssprachen
entfernen. (HOLM 1988: 1)
Aber
zur Abgrenzung der Pidgin-Sprachen sind noch zwei weitere Bedingungen von
Nöten.
Zunächst
muß nach Valdman (zit. in HOLM 1988: 5) die soziale Distanz zwischen
den Sprechern des „Substrats“ und den Sprechern des „Superstrats“ erhalten
bleiben, i. e. Substrat ist die Sprache die bei der Herausbildung einer
Pidgin - Sprache eher unterliegt und mehr von der anderen Sprache übernimmt,
nämlich dem „Superstrate“. Diese soziale Distanz muß deshalb
erhalten bleiben, da sonst die eine Gruppe die Sprache der anderen Gruppe
zur Gänze lernen würde und somit die Möglichkeit der Entstehung
einer Mischsprache nicht mehr gegeben wäre.
Als
zweiter Punkt ist wichtig, daß die beiden Sprachen, die an der Entstehung
einer Pidgin - Sprache beteiligt sind nicht nahe miteinander verwandt sind,
da bei einer Verwandtschaft der beiden Sprachen kein Pidgin, sondern lediglich
ein Dialekt entstehen würde. (HOLM 1988: 5)
Beim
Russenorsk sind die beiden Sprachen nämlich Russisch und Norwegisch
ungefähr von der selben Stärke, d.h. es ist keine klare Unterscheidung
zwischen „Substrat“ und „Superstrate“ möglich.
Zur
Etymologie des Begriffes Pidgin gibt es eine Vielzahl von Erklärungen
die vom Hebräischen Wort „pidjom“ was etwa „Handel, Austausch“ bedeutet
bis zur chinesischen Form des englischen Wortes „business“ reichen. (MÜHLHÄUSLER
1986: 1) So gut diese Ableitungen sind, so stellen sie aber „nur“ ein Phänomen
dar, das vielen Pidgins eigen ist, nämlich die Funktion als Handelssprache.
Die
Definition der UNESCO erscheint mir trotz ihrer Oberflächlichkeit
dennoch als eine, wenn man ihre Länge betrachtet, erwähnenswerte
Begriffserklärung. Pidgin ist eine Sprache, die aufgrund des Kontaktes
zwischen Völkern mit verschiedenen Sprachen hervorgegangen ist, meistens
geformt durch die Vermischung der Sprachen. (zit. in MÜHLHÄUSLER
1986: 3 übersetzt aus dem Englischen)
Weder
ist bis dato eine in der Wissenschaft unumstrittene Definition gefunden
worden noch trifft jede Definition von Pidgin auf alle Pidgin-Sprachen
zu.
3. Entstehung von Pidgin-Sprachen (allgemeine Theorie): |
Mühlhäusler
beginnt seine Theorie zur Entstehung von Pidgin bereits im nonverbalen
Bereich, zum Beispiel durch das Zeigen der Zahlen mit den Fingern usw.
(MÜHLHÄUSLER 1986: 51)
Die
sprachliche Komponente tritt ein, wenn die nonverbale Kommunikation zu
Mißverständnissen führt oder aber die nonverbale Kommunikation
für den Zweck der Interaktion nicht mehr ausreichend ist. Mit dem
fortschreitenden Prozeß der „Verbalisierung“ bilden sich dann gewisse
grammatische Strukturen heraus, dieser Prozeß spielt sich bei den
meisten Definitionen von Pidgin innerhalb einer Generation ab.
Zunächst
eignen sich die Sprecher der „Substratssprache“ gewisse Züge
der „Superstratssprache“ an um mit der anderen Gruppe kommunizieren zu
können. Die Sprecher der „Superstratssprache“ hingegen übernehmen
nun diese bestimmten Züge um sich leichter verständlich zu machen
und nun sind beide Gruppen in der Lage miteinander in einer neuen Sprache,
dem entstandenen Pidgin zu kommunizieren.
|
An dieser Stelle muß erwähnt werden, daß neben der russischen Pidgin-Sprache Russenorsk noch zumindest zwei weitere russische Pidgin-Sprachen belegt sind, zum einen Kjachta-Pidgin (chinesisch-russisch) und eine weitere auf der Halbinsel Kamtschatka in Sibirien. (HOLM 1989: 620f)
4.1. Historische Umstände,
die die Entstehung von „Russenorsk“
|
Das
Russenorsk entwickelte sich in den Hafenstädten Tromsø, Vardø,
Hammerfest u. a. an der nordnorwegischen Küste, aufgrund von intensiven
Handelsbeziehungen zwischen russischen Kaufleuten und norwegischen Fischern.
Bei diesem, nur in den Sommermonaten stattfindenden Handel, fuhren die
russischen Händler zu Schiff von der Eismeerküste westlich von
Archangelsk nach Nordnorwegen um Frischfisch zu kaufen oder ihn gegen Mehl
und Bauholz zu tauschen. (NEUMANN 1965: 219) Über fünf Generationen
bis zum ersten Weltkrieg existierte dieser „Pomor-Handel“ dessen Name sich
vom russischen Wort Pomor’e ableitet, welches die Küste am Weißen
Meer bezeichnet. (HOLM 1989: 622) An seinem Höhepunkt in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Russenorsk von der russischen Kola
Halbinsel bis nach Tromsö in Norwegen verwendet. (ibid. 623)
|
4.2.1 Phonetischer Gestalt der Wörter
Die
Aussprache des Russenorsk hängt von der jeweiligen Muttersprache des
Sprechers ab. Aufgrund des fehlenden /h/ im Russischen wurde dieser in
norwegischen Wörtern zu /g/ im Russenorsk. Das Norwegische hav
„Meer“ wurde zu gav im Russenorsk. Umgekehrt aber wurde das Russische
/x/ zu /k/ im Norwegischen. Das Russische xorošo wurde im Russenorsk
zu korošo. Bestimmte russische Konsonantenmuster wurden aufgespalten
um eher dem Norwegischen zu entsprechen, wie Russisch
mnogo li „viele?“
zu nogoli wurde. Obwohl einsilbige Wörter sowohl im Russischen
als auch im Norwegischen üblich sind, hatte das Russenorsk eine gewisse
Tendenz noch eine Silbe anzuhängen, z.B. norwegisch
fisk „Fisch“
wurde zu fiska im Russenorsk. (HOLM 1989: 623) Ein weiteres Kennzeichen
des Russenorsk ist die Schaffung der Verbalendung
–om, welche von
der 1. Pers. Pl. des Russischen kommen könnte, von der Art pojd’om.
Diese Form tritt besonders häufig in der mündlichen Rede auf
und geht wahrscheinlich auf die Notwendigkeit zurück, das Prädikat
eindeutig zu kennzeichnen. (NEUMANN 1965: 228)
Beispiele:
| Russenorsk: | Deutsche Entsprechung: |
| spaserom | gehen |
| vaskom | waschen |
| sellom | verkaufen |
| smotrom | sehen |
Bei
Neumann sind einige Lautvarianten belegt, die nebeneinander existierten:
| Lautvariante 1: | Lautvariante 2: | deutsche Entsprechung: |
| jwnka | junka | Schiffsjunge |
| nogoli | nogli | wie viel |
| 4.2.2. Die Flexion |
Im
Russenorsk fehlt jegliche Art der Flexion. Es existiert kein formales Zeichen
für den Plural, z.B.
en piga „ein Mädchen“, to piga
„zwei Mädchen“. Weiters ist für den Genitiv kein formales Kennzeichen
bekannt, kua skjorta „Hemd der Kuh“ gemeint ist die Haut des Tieres.
Beim Verbum gibt es keine Personalendung, sondern die Formen werden in
analytischer Weise durch das Voranstellen des Personalpronomens gebildet,
jeg
ligger, du ligger, han ligger „ich liege, du liegst, er liegt“. Bei
den Verben kann man keine Zeitform unterscheiden, d.h. ja ligge
kann sowohl Gegenwart „ich liege“ als auch Vergangenheit „ich lag“ bedeuten.
(NEUMANN 1965: 225)
Das
Russenorsk besitz für Possesivpronomen und Personalpronomen dieselbe
Form, so heißt z.B.
moja sowohl „ich“ als auch „mein“. moja
spaserom heißt „ich bin gegangen“ oder moja stova „mein
Zimmer“. Neben der aus dem Russischen stammenden Form für „du“ gibt
es auch noch eine aus dem Norwegischen, nämlich das ju: ju ligga „du
liegst" (NEUMANN 1965: 227)
4.2.3. Das Vokabular |
Das Vokabular stammt zu 39% aus dem Russischen und zu 47% aus dem Norwegischen und zu 14% aus anderen Sprachen, was einer für Pidgin-Sprachen unüblichen Verteilung entspricht, denn bei den meisten Pidgin-Sprachen kommt der überwiegende Teil des Wortschatzes aus einer der beteiligten Sprachen. Neben Wörtern aus den Sami-Sprachen, Finnischen, Schwedischen und Französischen finden wir Wörter aus dem Holländischen, Plattdeutschen und Englischen (z.B.: jes „ja“, ju „du“ und verrigod „sehr gut“). (HOLM 1989: 621) Im Falle des Russennorsk kommt bei der Wortschatzbildung aber noch eine weitere Komponente hinzu. Denn sowohl der norwegische Fischer als auch der russische Handelsschiffer waren mit einem internationalen Seemannsjargon vertraut, der auf den Schiffen der Ostsee gesprochen wurde, wobei sich aber heute nicht mehr feststellen läßt ob die jeweiligen Wörter aus eben diesem Jargon stammen oder aus anderen germanischen Sprachen. Neumann nennt dazu folgende Beispiele: Verben wie spre:k oder šprek „sprechen“, sli:p „schlafen“ und weiters das Pron. 2. Sg. ju „du“ und das Wort junka für „Schiffsjunge“.
Kontaminationen
(„Wort-Kreuzungen“) sind ebenfalls im Russenorsk zu finden:
| norwegisches Wort: | russisches Wort: | Kreuzung (Russenorsk): | deutsche Entsprechung: |
| mange | mnogo | mango | viel |
| vecka | n’ed’el’ja | vegel | Woche |
Die Notperiphrastik,
ist wie in vielen Pidgin-Sprachen auch im Russenorsk vorhanden. Die bei
Neumann erwähnten Beispiele sind:
| Russenorsk: | Ursprung: |
| paa kjerka vaskom | taufen; wörtl. „auf Kirche waschen“ |
| stova paa Kristus sprek | Kirche; wörtl. „der Raum, wo von Christus gesprochen wird“ |
Des weiteren
finden wir Formvarianten, die nebeneinander existierten:
| Formvariante 1: | Formvariante 2: | deutsche Entsprechung: |
| en | odin | eins |
| ander | drugoi | der zweite |
| go | dobr-/xoro - | gut |
| gammel | star- | alt |
| moja | ja | ich |
| tvoja | ju | du |
| 4.2.4. Die Syntax |
Was
die Satzstellung betrifft so ist sowohl im Norwegischen als auch im Russischen
die Wortfolge festgelegt, nämlich SV(O). Diese Wortfolge wird im Russenorsk
beibehalten (z.B.:
moja kopom fiska, wörtl. „Ich kaufe Fisch“)
aber sie wird noch durch eine weitere Variante ergänzt, nämlich
die Wortfolge SOV (z.B.: tvoja fisk kopom?, wörtl. „Du Fisch
kaufen?“).
(HOLM
1989: 624)
Das
Russenorsk besitzt weder Kopula noch unbestimmte Artikel, wahrscheinlich
weil diese Elemente im Russischen ebenso fehlen. Z.B. den junka grot
kanalja „dieser Schiffsjunge (ist) (ein) großer Lümmel“.
(NEUMANN 1965: 225)
Sowohl
das Norwegische als auch das Russische haben ein fein ausgebautes System
von Präpositionen zum Ausdruck von räumlichen, zeitlichen und
logischen Beziehungen. Im Russenorsk hingegen werden Präpositionen
überhaupt ausgelassen (z.B. spaserom moja datsja „Kommen Sie
auf mein Landhaus!“) oder es wird die Universalpräposition paa verwendet.
Diese Universalpräposition hat sich wahrscheinlich deshalb durchgesetzt,
weil in beiden Sprachen zufällig ein po als Präposition
vorhanden ist (natürlich in unterschiedlicher Bedeutung). Beispiele
in denen paa als Universalpräposition im Russenorsk verwendet wird:
paa
gammel ras „beim letzten Mal, gestern“, paa moja stova
„bei mir, in meinem Zimmer, in meinem Haus“ oder „zu mir“, dag paa Kristus
„Feiertag, Tag des Herrn“ (ibid. 226)
In
ähnlicher Weise wurde das System der Fragewörter vereinfacht.
Aus dem Russischen wurde das Fragewort kak übernommen und hat seine
ursprüngliche Bedeutung beibehalten. Z.B. kak tvoja levom?
„Wie lebst du, wie geht es dir?“. Kak bedeutet aber darüber
hinaus auch „was?“, z.B. kak tvoja bestil? „Was willst du bestellen?“.
Für „wo?“ gibt es zwei verschiedene Varianten. Zum Einen das dialektnorwegische
kor
(z.B. kor ju stannom? „Wo warst du?“) und weiters das Russiche (ursprünglich
wohin bedeutende)
kuda (z.B. kwda tvoja stanwp? „Wo liegst
du (mit deinem Boot)?“) welche nebeneinander existieren. Eine Besonderheit
von kor ist, daß es eine weitere Bedeutung im Russenorsk hat,
nämlich die Bedeutung „warum?“ (z.B.
kor ju ikke paa moja mokka
kladÌ? „Warum hast du nicht eine Ladung Mehl für mich?“).
(ibid. 226)
| 4.2.5. Textproben |
Als Textproben möchte ich die bei Strand-Juchansen erwähnten Sätze anführen die er nach O. Broch zitiert:
„norwegischer
Fischer: Kaptein! moja har (haben) fisska (Fisch) selle (verkaufen).
russischer
Kaufmann: Kak sort fisska på tvoja båt (Boot)?
norwegischer
Fischer: Nåö slik slag (gut, einverstanden), moja sellom på
tvoja
russischer
Kaufmann: Kak pris (Preis) på tvoja fisk? Moja lite (wenig) penga
(Geld). Njet, den pris moja ikke (nicht) betalom (bezahlen) grot (sehr)
dyr (teuer).
norwegischer
Fischer: Nå, slik slag (gut, einverstanden), moja sellom på
tvoja pris. Tvoja skal bli (wird) kammerat på moja (mit mir) på
anner år (im nächsten Jahr); kanske (kann sein) på anner
år kopom planka (Bretter). Kak nam (Name) på tvoja skuta (Schiff)?
russische
Kaufmann: kanske tvoja vol (will) glass (Glas) tsjai? Kanske litt (ein
bißchen) på skaffom (essen)?“ (STRAND-JUCHANSEN 1977:
123)
| 5. Bibliographie |
COMRIE,
Bernard
1981
The languages of the Soviet Union,
Cambridge
EINAR,
Niemi
1995
The Pomor trade from a Norwegian perspective, in: Way North, The Barrents
Region, ed. by Bjørklund I., Møller J. and Reymert P., University
of Tromsø, Tromsø Museum
HOLM,
John A.
1988
Pidgins and Creoles, Vol. I, Cambridge language surveys,
Cambridge
HOLM,
John A.
1989
Pidgins and Creoles, Vol. II, Cambridge language surveys,
Cambridge
MÜHLHÄUSLER,
Peter
1986
Pidgin and creole linguistics, Language in society, Oxford
NEUMANN,
Günter
1965
Russennorwegisch und Pidginenglisch, Beobachtungen zum Bau von
Behelfssprachen,
in: Nachrichten der Gießener Hochschulgesellschaft, Bd. 34, S. 219
- 232
STRAND-JUCHANSEN,
E.
1977
Russko-norveshskie jazykovie kontakty i nekotorie problemy sovremennoj
russko-norveshskoj uchebnojleksikografii, v: Problemy uchebnoj leksikografii,
str. 123-134, Izdatel'stvo moskovskogo universiteta, Moskva
© Markus Hirnsperger 1999