Die Transmutation
des Wilfried Öller

von
Alexander Zartl

 

UR HÖLLE MIT DER VÖLLEREI," nölte Öller und versetzte dem vor ihm stehenden Suppenteller einen angewiderten Stoß, sodaß dessen Inhalt über den Tellerrand schwappte und über den Tisch auf den Boden floß. Harmonisch – sowohl farblich als auch hinsichtlich ihrer klebrigen Konsistenz – fügte sich die nahrhafte Flüssigkeit in ihre Umgebung ein.

Doch Öller hatte keinen Blick für den reizvollen Kontrast zwischen antikbeige patinierten Essensresten und grünblauem Schimmelrasen, denn zum einen hatte die jahrelange Omnipräsenz derartiger Sehenswürdigkeiten in seiner Wohnung seinen Sinn für das Schöne ein wenig abgestumpft, und zum anderen hatte er gerade den Kopf zu voll, um sich ästhetischen Betrachtungen hingeben zu können.

Es war nicht zu leugnen: Wilfried Öller stand unter Zugzwang. Nur noch wenige Tage trennten ihn von seinem fünfzigsten Geburtstag – das Alter stand vor der Tür und wartete begierig auf eine Gelegenheit, ihn mit den kleinen Sorgen und Ängsten der Midlife-Crisis bekanntzumachen. Zwar fühlte Öller sich noch definitiv jung, aber insgeheim mußte er sich eingestehen, daß er schon mitten in den besten Jahren war, und an manchen Tagen, wenn er mittags beim Aufstehen der knöchernen Musik seiner Kniegelenke lauschte, wurde ihm mit dringender Schärfe bewußt, daß Handlungsbedarf bestand. Seinen Computer benutzte er schon seit längerem fast ausschließlich zum Surfen durch die Homepages obskurer immortalistischer Vereinigungen, deren Mitglieder übertrieben klingende Angaben über ihr Alter machten ("Ich gratuliere meinem lieben Pepi zu seinem 108. Geburtstag! Herzlichst – Deine Oma."). Hunderte Nächte hatte er auf diese Weise schon vor dem Bildschirm verbracht und mit dessen blauem Flimmern die halbe Nachbarschaft um ihren wohlverdienten Schlaf gebracht, aber seinem Ziel war er trotz intensiven Suchens bisher nicht näher gekommen: Das große arcanum, das Wissen um den Stein der Weisen und das Wasser des Lebens beherbergte der offenbar doch allzu beschränkte Cyberspace nicht.

Öller, dem die Nahrung der Sterblichen mit einem Mal schal und geschmacklos vorkam, kippte die Reste seines Abendessens gedankenverloren in die Toilette, wobei er es aus Zerstreuung verabsäumte, die Spülung zu betätigen. Dem ominösen Gurgeln, das aus der Toilettenmuschel drang, schenkte er weiter keine Beachtung.

* * *

Als Öller ein wenig später in seinem Bücherschrank nach einer geeigneten Bettlektüre suchte, fiel ihm in ein kleines, schwarz eingebundenes Büchlein in die Hände, das er dereinst mit großem Interesse gelesen hatte: Historia von Dr. Johann Fausten, dem weitbeschreyten Zauberer und Schwarzkünstler, wie er sich gegen den Teuffel auf eine benannte Zeit verschrieben, was er hierzwischen für seltsame Abenteuer gesehen, selbst angerichtet und getrieben, bis er endlich seinen wohlverdienten Lohn empfangen. Hm! Ungeahnte Möglichkeiten entfalteten sich vor Öllers geistigem Auge. Dieser Faust, der die höllischen Mächte in seinen Dienst genommen hatte, war tatsächlich eine faszinierende Figur – wenn die Sache mit dem "wohlverdienten Lohn" auch nicht so ganz nach Öllers Geschmack war; ihm würde es vollauf genügen, es zu treiben oder etwas anzurichten. Aber mußte er diesen fatalen Lohn denn unbedingt kassieren? Wie Öller sich aus der einschlägigen Märchen- und Sagenliteratur zu erinnern glaubte, war es durchaus möglich, dem Teufel ein Schnippchen zu schlagen, wenn man es nur geschickt genug anstellte.

Allerdings blieb eine Menge an technischen Fragen offen. Zwar enthielt das Buch einige undeutliche Hinweise auf die Art und Weise, wie man die Dämonen des Acheron an die Oberwelt zwingen konnte, aber in bezug auf die exakten Details erwies es sich als äußerst mangelhaft. Es stand zu befürchten, daß die stets verneinenden Geister einen gewissen Wert auf Formalitäten legen würden; schließlich ließ sich ein Betrieb in dieser Größenordnung ohne den entsprechenden Hang zur Bürokratie nicht führen. Aber da Öller ohnehin schon ein stattliches Sündenregister vorzuweisen hatte, vertraute er darauf, daß der Teufel fünf gerade sein lassen und sich auch so zu einem Pläuschchen mit ihm herablassen würde.

Zufällig hatte Öller ein paar Räucherkerzen, deren Wachs aus dem Körperfett einer einäugigen schwarzen Katze gewonnen war, in seiner Küche. Er zündete sie an, ritzte mit dem Finger ein paar Pentagramme in die Schmierschicht auf seinem Fußboden und begann frei erfundene Beschwörungsformeln zu singen. Überraschenderweise ließ der Erfolg der improvisierten Litanei nicht lange auf sich warten: Ein Donnern wie von tausend Böllerschüssen ließ die Wände erzittern, der Boden teilte sich und spie Rauch und Flammen aus (was Öller mit einiger Verwunderung registrierte, denn immerhin wohnte er im dritten Stock – hoffentlich würde seine Haushaltsversicherung eventuelle Brandschäden bei den Nachbarn unter ihm abdecken), und mephitischer Gestank drang in Öllers Nase. Da! Ein plötzlicher Windstoß blies die Kerzen aus! Und diese schwarze Gestalt, die sich langsam aus den Rauchschwaden zu lösen schien – war sie real oder nur eine Ausgeburt von Öllers überreizter Phantasie?

Ein letzter ohrenbetäubender Krach erschütterte das Haus bis in die Grundfesten. "Warum machen Sie denn kein Licht, Mann!" stöhnte die schwarze Gestalt, während sie sich vom Boden aufrappelte und ihre Schienbeine rieb, denn sie war in der Finsternis über den Couchtisch gestolpert und hatte ihn dabei samt Öllers Mittagsgeschirr umgeworfen. "Dieses blödsinnige Klischee vom Fürsten der Dunkelheit! Dabei ist es bei uns unten immer taghell – schließlich haben wir an jeder Ecke genug Verdammte herumstehen, die man im Bedarfsfall einfach in Brand steckt. Ja, die Leute machen sich gar keinen Begriff davon, welche Lebensqualität die Hölle so bietet."

Sorgsam klopfte sich der Besucher die Brösel vom maßgeschneiderten Nadelstreifanzug und rückte die seidene Designerkrawatte zurecht, wobei er den Blick über den Boden schweifen ließ. Öller erriet sogleich, was ihn beschäftigte: "Lassen Sie die Schuhe nur an, sonst treten Sie sich womöglich noch etwas ein," sagte er höflich und lud seinen stygischen Gast mit einer Handbewegung ein, sich zu setzen. "Darf ich Ihnen vielleicht etwas zu trinken anbieten?"

"Zu einem Schlückchen Feuerwasser würde ich jetzt nicht nein sagen – im Hochsommer ist man ja immer dankbar für eine Erfrischung. – Gestatten Sie übrigens, daß ich mich vorstelle." Er öffnete sein krokodilledernes Aktenköfferchen und überreichte Öller mit weltmännischer Lässigkeit eine auf zartrosa gegerbter Menschenhaut gedruckte Visitkarte:

MAG. RER. OEC. BELIAL HÖLLINGER
A
NTICHRIST INC., LTD.

EASTERN UNIVERSE SALES MANAGER

Öller war beeindruckt, wollte es sich aber nicht anmerken lassen. "Sie sind also sozusagen Handlungsreisender in Sachen Weltherrschaft?" frage er so cool, wie es die nach den pyrotechnischen Sperenzchen des Teufels erheblich angestiegene Raumtemperatur zuließ. "Jetzt, wo die Preise im Osten so stark angezogen haben, muß Sie das ja ein schönes Stück Geld kosten."

Der Teufel warf Öller einen herablassenden Blick zu und schlug arrogant einen Bocksfuß über den anderen.

"Mein lieber Öller! Warum sollte meine Firma für etwas bezahlen, was ihr schon längst gehört? Mit solchen geschäftspolitischen Usancen könnten wir vor unseren Shareholdern wohl kaum reüssieren. Nein, wenn es darum ginge, könnten wir schon längst verkaufen und uns zur Ruhe setzen. Die Phase, in der wir unser Hauptaugenmerk auf die Erschließung neuer Märkte legten, ist längst abgeschlossen. Jetzt geht es lediglich noch darum, unsere Marktanteile zu stabilisieren und auszubauen – wenn möglich auf 100 Prozent."

Er zog einen aufwendig gestalteten Prospekt aus seinem Koffer und legte ihn vor Öller auf den Tisch. "Was ist es genau, womit wir Ihnen dienlich sein können? Geld? Macht? Sex? Besonders letzterer Artikel hat sich schon seit längerem zu einem echten Verkaufsschlager entwickelt und unsere Umsatzzahlen bedeutend in die Höhe schnellen lassen. Wenn ich Ihnen ein paar Referenzen zeigen darf. . . " Er blätterte in dem Prospekt und las vor: "Niemals hätte ich von den verboten guten Genüssen zu träumen gewagt, die ich dank der konkurrenzlosen Qualitätsprodukte aus Ihrem Haus nun wieder erleben darf. Früher hatte ich aufgrund meines fortgeschrittenen Alters häufig Probleme mit der Standfestigkeit, aber nun ziehe ich bereits zum Frühstück wieder täglich einen Chorknaben durch. Mit englischem Gruß – Euer Pater Hans Hermann, Kardinal i.R.

Einer unserer größten Erfolge in der letzten Zeit – dank des breiten Medienechos, das uns dieser Fall beschert hat, konnten wir einen Exklusivvertrag mit der katholischen Kirche für die nächsten 100 Jahre abschließen." Er zog seine Stirn in nachdenkliche Falten. "Hoffentlich macht sie nicht schon vorher pleite – es wäre sehr schmerzlich für uns, wenn wir unseren besten Partner verlieren müßten, der uns durch eine fast 2000jährige fruchtbare Geschäfts beziehung aufs engste verbunden ist und mit dem wir demnächst eine strategische Fusion an der Börse planen. – Nun ja. Wären Sie an etwas Derartigem interessiert? Aufgrund der hohen Stückzahlen, die wir im Moment auf diesem Sektor fertigen, bin ich ermächtigt, Ihnen für die Abnahme einer gewissen Mindestmenge besonders günstige Sonderkonditionen anzubieten."

Öller hob abwehrend die Hand. "Danke für den Vorschlag, aber im Moment ist das nicht das, was ich brauche; diese Dinge werden sich, falls wir miteinander ins Geschäft kommen sollten, ohnehin von selbst ergeben. Um also gleich auf den Punkt zu kommen: Was ich mir von Ihnen wünsche, ist nichts anderes als das Geheimnis des ewigen Lebens!"

Der Teufel rutschte nervös auf seinem Sessel hin und her. Es war ihm deutlich anzusehen, daß er sich nicht wohl in seiner Haut fühlte, denn kleine Dampf- und Schwefelwölkchen traten unter der Krempe seines Hutes hervor und ringelten sich zur Decke empor. "Es tut mir außerordentlich leid, Sie enttäuschen zu müssen, mein hochverehrter Herr Öller, aber Bonusleistungen dieser Art bleiben aus prinzipiöllen Gründen unseren Aktionären vorbehalten – Firmenpolitik, sie verstehen. Ausnahmen von dieser Regel sind leider nicht möglich; schließlich beruht unser Interesse an diesem Geschäft gerade darauf, daß der Vertragspartner eben nur eine begrenzte Zeitspanne zugesprochen bekommt. Aber damit Sie sehen, daß wir uns nicht lumpen lassen, biete ich Ihnen im Austausch für Ihre Seele (die, wenn ich offen sein darf, schon ziemlich fleckig und angeschwärzt ist) einen Vertrag mit einer Laufzeit von 15 Jahren an – selbstverständlich zusätzlich zu Ihrer natürlichen Lebenszeit –, während der wir Ihnen jeden auch noch so ausgefallenen Wunsch erfüllen. Ich rate Ihnen, greifen Sie zu! Einen vorteilhafteren Handel wird Ihnen so bald wohl niemand anbieten."

Damit war Öller aber bei weitem nicht zufrieden. "Mit meinem Vorgänger Dr. Faust hat Ihre Firma einen Vertrag auf immerhin 24 Jahre abgeschlossen, und mir bieten Sie läppische 15? Das ist, vom marktwirtschaftlichen Standpunkt betrachtet, eine rücksichtslose Ausnützung Ihres Marktmonopols! Außerdem will ich von Ihnen ja nur Zeit; an weiteren Dienstleistungen wie Wunscherfüllungen und dergleichen bin ich gar nicht interessiert. Nein: Entweder Sie räumen mir die gleichen Konditionen ein wie Dr. Faust, oder es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, daß wir uns nicht einigen werden."

Der Teufel wand sich. "Das waren andere Zeiten, da hatten wir eine starke Konkurrenz und konnten uns nur durch Dumpingmethoden auf dem Markt behaupten. Diese Faustsache hat uns hohe Verluste beschert – lesen Sie doch nach, welche Strapazen unsere Mitarbeiter auf sich nehmen mußten, um seine unmäßigen Wünsche erfüllen zu können! Und erst der immense Materialaufwand an Gold und losen Weibern! Darauf durften wir uns nur einlassen, weil wir die Sache beim Finanzamt als Werbeaktion deklariert hatten und die Kosten somit zum Teil von der Steuer absetzen konnten. Wenn ich mit Ihnen einen auch nur annähernd so weitgehenden Vertrag abschließe wie mit Dr. Faust, werden mich die Leute aus der Vorstandsetage langsam auf kleiner Flamme rösten – das dürfen Sie ruhig wörtlich nehmen. So leid es mir tut, aber mehr als 20 Jahre kann ich Ihnen beim besten Willen nicht anbieten – bei der sinnlos hohen Lebenserwartung, die die Menschen heutzutage leider Teufels haben (früher oder später kriegen wir sie ja doch), bewegen wir uns damit statistisch ohnehin schon hart am Rand der Gewinnzone."

Plötzlich löste sich der angespannte Ausdruck in seinem Gesicht.

"Es gibt aber unter Umständen noch eine andere Möglichkeit, das Problem in einer für beide Seiten zufriedenstellenden Weise zu lösen. Wenn Sie sich eventuell dazu entschließen könnten, uns Ihre Seele mit sofortiger Wirkung zum beliebigen Gebrauch zu übereignen, dann wäre es für uns ohne weiteres akzeptabel, Ihnen den Körper für die Ewigkeit zu überlassen. Das bißchen Fett, das unsere Seifensieder daraus herauskochen könnten, lohnt die Mühe ja doch nicht. Was halten Sie von dieser Idee?"

Öller blickte betrübt zu Boden. "Ich muß gestehen, daß das Zusammenleben mit meiner Seele schon seit langem nicht mehr so befriedigend ist, wie ich es mir wünsche. Unsere ersten gemeinsamen Jahre sind ja soweit ganz harmonisch verlaufen, aber mit der Zeit haben wir uns immer weiter auseinandergelebt – und eines Tages mußte ich feststellen, daß die Luft aus unserer Beziehung endgültig heraußen war." Er seufzte. "Ganz im Vertrauen: Ich habe schon lange eine günstige Gelegenheit gesucht, mich von ihr zu trennen, und ich wäre dankbar, wenn Sie mir dabei behil ich sein könnten."

Ein satanisches Lächeln spielte um des Teufels Lippen. "Nur zu gerne, Verehrtester – das ist schließlich mein Beruf. Machen Sie sich keine Sorgen, wir werden Sie von Ihrer Last befreien; ich habe alles dazu Nötige bei mir. Zuvor müssen wir nur noch die kleine Formalität der Vertragsunterzeichnung erledigen. Das Kleingedruckte brauchen Sie übrigens gar nicht zu beachten – nichts als juristischer Kleinkram. Wenn Sie bitte hier mit Ihrem Blut unterschreiben wollen – und hier – und hier – und zum Abschluß noch hier. Danke." Er rammte seine goldene Füllfeder in Öllers Oberarm und zeichnete die Papiere seinerseits ab. "Eine Kopie dieses Vertrages werden wir gegen Kostenersatz bei einem Notar Ihres Vertrauens hinterlegen. Und nun zum Kern der Sache."

Öllers Spannung erreichte ihren Höhepunkt, als der Teufel vor ihm ein kleines gläsernes Fläschchen, aus dessen Innerem ein geheimnisvolles Leuchten drang, auf den Tisch stellte. "Hier unser patentrechtlich geschütztes Produkt LONGLIFE, von dem Sie zu einem von Ihnen selbst bestimmten Zeitpunkt drei Eßlöffel einnehmen. Die lebensverlängernde Wirkung des Elixirs setzt augenblicklich ein und Ihre Seele wird sich selbsttätig auf den Weg zu einer vorbestimmten Sammelstelle machen. Ich garantiere Ihnen: Wenn Sie einigermaßen pünktlich alle 20.000 Jahre zum Service in eine unserer Vertragswerkstätten kommen und sich von notorischen Katastrophengebieten wie der UB Wien fernhalten, gibt es keinen Grund, warum Sie nicht bis zum Jüngsten Tag durchhalten sollten. Und sie werden sehen: Niemand wird bemerken, daß Sie keine Seele mehr haben – der Trend geht heutzutage eher in Richtung Glückssteine. – Tja, jetzt muß ich mich verabschieden, es warten noch andere Kunden auf mich. Freut mich, Sie kennengelernt zu haben. Ich hoffe, wir sehen uns nicht so bald wieder."

Die Gestalt des Teufels begann durchsichtig zu werden und zu verblassen; für einige Sekunden blieb ihr schwaches Abbild noch im Raum bestehen, dann war es ganz erloschen. Nur ein leichter Geruch nach Schwefel und Bimsstein erinnerte noch an den höllischen Besucher.

Doch Öller bemerkte davon nichts, denn er fühlte sich mit einem Mal so müde und schwer, daß er sich kaum auf seinem Sessel halten konnte. Einen kurzen Moment lang versuchte er noch, sich seine glorreiche, ewig währende Zukunft auszumalen, dann verfiel er in einen tiefen und traumlosen Schlaf.

* * *

Am nächsten Tag erwachte Öller mit brummendem Kopf. Er fühlte sich gar nicht gut; der Zweifel hatte ihn gepackt und ließ ihn nicht mehr los. Die Aussichten, die ihm der Teufel geboten hatte, waren so glanzvoll, die Leistung, die er im Gegenzug erbringen sollte, so gering – die Sache war einfach zu schön, um wahr zu sein. Wieder und wieder las er aufmerksam den Vertrag durch, aber es gelang ihm nicht, etwas Verdächtiges darin zu entdecken. Aber nannte man nicht den Teufel den "Vater der Lüge"? Irgendwo mußte doch ein Haken bei der Angelegenheit sein! Öller wurde das Gefühl nicht los, hinters Licht geführt worden zu sein. Wer konnte schon wissen, was das noch immer unheimlich glimmende Fläschchen auf dem Tisch in Wahrheit enthielt . . .

Aber so leicht würde er sich nicht fangen lassen! Wenn er nur irgendwie aus dem Vertrag aussteigen könnte –

Ja! Das war es! Er würde das Präparat einfach nicht einnehmen, dann konnte nach menschlichem Ermessen auch nichts geschehen. Seine lästige Seele mochte der Teufel ruhig holen, das wäre nichts als eine Genugtuung für Öller. Es sah ganz danach aus, als ob er doch noch einen Gewinn aus dem Geschäft herausschlagen würde! Eilig packte er das Fläschchen und lief damit auf die Toilette. Befriedigt sah er zu, wie sich das patentrechtlich geschützte Produkt LONGLIFE mit dem Spülwasser vermischte.

Einen Augenblick lang geschah nichts, doch dann begann das Wasser in der Toilettenmuschel aufzuwallen und bedrohlich zu steigen. Rote Blasen blubberten zuerst vereinzelt, dann in immer rascherer Folge aus der Tiefe empor und zerplatzten unter tränentreibender Geruchsentwicklung an der Oberfläche. Mit namenlosem Entsetzen sah Öller, wie die übelriechende Brühe bis an den Rand der Muschel stieg und bereits darüber hinaus lappte. Etwas von der nun zähen und dickflüssigen Masse spritzte auf seine Hose und fraß sich augenblicklich durch den Stoff bis auf die Haut, wo sie einen roten, schmerzhaft brennenden Fleck hervorrief. Wie Leim haftete die Substanz an Öller, und er hatte das Gefühl, als käme eine riesige Amöbe durch das Abflußrohr seiner Toilette gekrochen und umfasse ihn mit ihren Armen aus giftigem, fäkalisch verseuchtem Zellplasma. Eigentlich war es undenkbar, aber der schmierige Klumpen, der Öller am privatesten Ort seiner Wohnung überfallen hatte, war lebendig – es war eine Form von Leben in seiner abscheulichsten und niedrigsten Ausprägung.

Öller kämpfte wie ein Mann, aber bald fühlte er, wie seine Kräfte erlahmten. Ein letzter Schrei, dann hatte das Ding seine verzweifelte Gegenwehr erstickt. Unter grausigem Gurgeln und Schmatzen zog es sich mit seiner Beute in die Abgründe der Kanalisation zurück. Das Grauen aus der Tiefe hatte Öller verschlungen und würde ihn auf Zeit und Ewigkeit nicht mehr herausgeben.

* * *

Fragment eines nichtöffentlichen
Geschäftspapiers

. . . im Moment keine verläßliche Erklärung, wie es zu diesem für das Ansehen unserer Gesellschaft so peinlichen Zwischenfall kommen konnte. Wir dürfen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen, daß das gegenständliche Subjekt ֗ das Präparat nicht irrtümlich falsch angewendet hat; selbst die ungeschicktesten Probanden waren bei den Versuchsreihen in unseren Entwicklungslabors mühelos in der Lage, die vorgeschriebenen Schritte im Do-it-yourself-Verfahren durchzuführen. Auszugehen ist dagegen von einem absichtlichen Mißbrauch unseres Produkts, was uns nach §27 Abs. 2 unserer Allgemeinen Geschäftsbedingungen von jeder Haftungsverpflichtung befreit.

Um einen solchen Vorfall für alle weitere Zukunft ausschließen zu können, war es allerdings erforderlich, ein plausibles Modell der Vorgänge in der ֗schen Toilette zu entwickeln. Als wahrscheinlichste wird in der biotechnischen Abteilung unserer LONGLIFE- Produktionsanlage folgende Hypothese angesehen – zum besseren Verständnis vorab einige Erläuterungen:

Wie allgemein bekannt, ist unsterbliches Leben im biologischen Sinn mit herkömmlicher Technik allein auf der Stufe der einzelligen Organismen möglich, die sich durch Teilung fortp flanzen, wobei eine sinnvolle Unterscheidung zwischen den Generationen nicht möglich ist – nach einer Teilung gibt es zwei identische Kopien der ursprünglichen Zelle, und es läßt sich nicht sagen, welche von den beiden die Mutter- bzw. die Tochterzelle ist. Selbstverständlich war von unserer Seite niemals an eine Unsterblichkeit in diesem Sinn gedacht, weil das ja bedeutet hätte, das Subjekt ֗ mit einem potentiell ewigen Leben und der Fähigkeit zur unbeschränkten Reproduktion zugleich auszustatten; das wäre selbst für unsere Firma aus moralischen Gründen nicht vertretbar gewesen. Unser Vertrag sah lediglich vor, eine Stammkultur aus dem Zellmaterial des Subjekts ֗ in unseren infernalischen Genlabors aufzubewahren, wobei wir uns für den Fall, daß das Subjekt selbst jemals durch eigenes Fehlverhalten oder die Unachtsamkeit Dritter ernsthaft zu Schaden kommen sollte, zur Herstellung einer Kopie und deren Aussetzung in ihrem natürlichen Habitat verpflichteten.

Wie wir aber wissen, ist es dazu nicht gekommen; vielmehr hat nach Ansicht unserer Experten in der Toilette des Subjektes ֗ eine Art Urzeugung stattgefunden, die wahrscheinlich durch das Eindringen einer nennenswerten Menge des patentrechtlich geschützten Produktes LONGLIFE in das vorerst noch unbekannte, jedenfalls aber einzigartige biochemische Milieu in besagter Toilette initiiert wurde. Der dabei spontan entstehende Organismus hat die Person des zufällig anwesenden Subjektes ֗ zur Gänze absorbiert und dabei seine bestimmenden Wesensmerkmale übernommen. In gewisser Weise kann man sagen, daß der neugebildete Organismus das Subjekt ֗ ist, wenn auch in einer stark abgewandelten Form. Er scheint sich guter Gesundheit zu erfreuen und mit seinem Schicksal recht zufrieden zu sein; unbestätigten Zeugenaussagen zufolge hat er sich sogar befriedigt darüber gezeigt, daß ein kulturloser Zeitgenosse Goethes unsterblichen Faust als Toilettenpapier mißbraucht und auf dem üblichen Weg entsorgt hat, wodurch das Subjekt ֗ nach längerer Zeit wieder einmal etwas Gutes zum Lesen bekommen hat.

Zum Abschluß bleibt nur noch die Bemerkung, daß wir nach Lage der Dinge die Existenz der transmutierten Form des Subjektes ֗ bis zum jüngsten Tag akzeptieren müssen. Im Hinblick auf die Zeit danach schlägt der Unterzeichnete vor, schon jetzt Verkaufsverhandlungen mit unseren elysischen Gegenspielern aufzunehmen. Bis dahin dürfte der Ö|sche Organismus nämlich so weit mit Nährstoffen angereichert sein, daß eine letzte Verwertung als Düngemittel im Garten Eden wohl die ökonomischste Form der Entsorgung . . .

* * *

Aus den medizischen Prokollen der
psychiatrischen Klinik am Steinhof

. . . Eine besonders schwerwiegende mentale Aberration, die in der Geschichte der modernen Psychiatrie bisher ohne Parallele ist, manifestiert sich im Fall der auf eigenen Wunsch in unserer Anstalt stationierten Patientin Claudia P. [1] Das Krankheitsbild dieser zuweilen unter schweren Tobsuchtsanfällen leidenden 32jährigen Frau besteht in der fixen Idee, eines Tages auf der Toilette von einem kurz zuvor auf mysteriöse Weise verschwundenen Freund namens Wilfried Öller in den Hintern ins Gesäß gebissen worden zu sein. Um den außergewöhnlichen Devianzgrad der Phantasien der Patientin P. zu illustrieren, geben wir an dieser Stelle den Bericht über ihr eingebildetes Schlüsselerlebnis in ihren eigenen Worten wieder:

"Es war nicht so sehr der Schreck über den unerwarteten Kontakt mit etwas Lebendigem, der meine Nerven so zerrüttet hat; zwar empfand ich die gallertartige, protoplasmisch pulsierende Masse, die aus den Tiefen der Kanalisation zu mir heraufgetaucht war, als abstoßend, doch ich war in diesem Moment noch robust genug, um das Interesse an dem unbekannten Ding stärker zu empfinden als die Abneigung dagegen. Doch dann sah ich jenes Grauenhafte, das sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt hat und das mich bis ans Ende meiner Tage verfolgen wird: Am vorderen Ende des sich wurmartig windenden Ungeheuers erkannte ich das seelenlos grinsende, zur obszönen Karikatur entstellte Gesicht des Wilfried Öller!"

Alexander Zartl wurde geboren. Von Zeit zu Zeit tut er was. Eine Weile wird das wohl noch so weitergehen.


1 Name vom Herausgeber geδndert.
zurόck

[Titelseite]