Bastelanleitung für Volkskulturbegriffe
Hermann Fritz

[Leicht gekürzte und mit Fußnoten versehene Fassung des für die Sommerakademie Volkskultur 1993 geschriebenen und dortselbst an die Teilnehmer verteilten Papiers]

Volkskundler, Soziologen und Musikwissenschaftler füttern uns mit einander widersprechenden Volkskultur- und Volksmusikbegriffen, ähnlich wie Missionare, die jeder einen anderen Herrgott predigen.1 Wem können wir glauben? Der Philosoph Paul Feyerabend meint, daß Wissenschaftler faszinierende Geschichten erzählen, denen aber nicht mehr Wahrheitsgehalt zukomme wie Märchen und Mythen. Und er sagt, daß das praktische Handeln nicht von "Fachleuten" entschieden werden dürfe, sondern der "Laie" die Sache selbst in die Hand nehmen müsse. Angewendet auf unsere Frage, was das Wort Volkskultur bedeutet, heißt das folgendes: Glauben Sie nicht den Wissenschaftlern. Definieren Sie sich selbst Ihren Volkskulturbegriff! Oder bleiben Sie ganz einfach bei dem, den Sie gewohnt sind. Paul Feyerabend sagt nämlich auch, daß jeder Mensch das Recht habe, nach seiner eigenen Tradition zu leben. Die Aussagen der Wissenschaft sind ja nicht wahrer als die irgendwelcher anderen Traditionen. (Paul Feyerabend, Erkenntnis für freie Menschen).

Ein paar Tips zum Definieren

Definieren ist nicht schwer. Definieren kann jeder. Man braucht kein Wissenschaftler zu sein, um definieren zu können. Eine Definition besteht aus zwei Schritten: erstens der Hervorhebung des Gegenstandes, zweitens der Namensgebung. Sie kennen den Vorgang von jeder Kindstaufe. Die grundlegendste Art der Definition ist nach Ludwig Wittgenstein die "hinweisende Definition": Sie zeigen mit dem Finger auf ein Kleidungsstück, eine bestimmte Musik, einen bestimmten Witz oder eine bestimmte Sprache und sagen dazu: "Das ist Volkskultur! Solche und ähnliche Dinge sind Volkskultur!" Wissenschaftler haben diese Art der Definition verfeinert. Sie wollen nämlich sichergehen, daß der Ausdruck "ähnliche Dinge" nicht mißverstanden werden kann. Darum geben sie ihrer Definition eine genaue Beschreibung der Gegenstände bei - und zwar in Form einer Beschreibung von Eigenschaften, die diesen Gegenständen gemeinsam sind. Der Anwender dieser Definition muß dann bei jedem Gegenstand schauen, ob er diese Kriterien erfüllt, d.h. die genannten Eigenschaften hat und wenn ja, dann gehört er zur Volkskultur. Solche Definition schafft einen abstrakten Begriff, bei dem man nicht immer genau voraussehen kann, welche Gegenstände er noch subsumiert außer denen, die man beim Definieren ins Auge gefaßt hat. Wenn Sie z.B. festlegen: "Volksmusik ist alle schriftlos überlieferte Musik", dann müßten Sie auch damit einverstanden sein, daß auch Rockmusik Volksmusik ist. Wenn Sie die ausschließen wollen, müssen Sie sich zusätzliche Kriterien einfallen lassen.

Auch Wissenschaftler machen Fehler. Sie können daraus einiges lernen. Ein Unding ist es z.B., ein mehrdeutiges, nicht allgemein verständliches Wort zu verwenden und nicht per definitionem zu erklären, was man damit meint. Von Reinhard Johler wissen wir inzwischen sehr gut, welche Volkskulturdefinition er ablehnt, aber er hat uns im unklaren gelassen darüber, was er selbst unter "Volkskultur" versteht. Dabei verwendet er dieses Wort dauernd.2
Wenn Sie sich aber nicht in die Karten schauen lassen wollen, dann machen Sie es am besten schlau wie Konrad Köstlin: Sie referieren gleich drei verschiedene Volkskulturbegriffe ("Widerständigkeit des Volkes", "altständische Gesellschaft" und "kollektives Verständigungsmuster von Gruppen") und fügen hinzu, daß allen Definitionen eine gemeinsame "Idee der Volkskultur" zugrunde liegt. Sie können so verschweigen, welchen Volkskulturbegriff Sie bevorzugen und warum, - oder daß Sie gar keinen bevorzugen, weil Sie als Kulturanalytiker gar keinen brauchen und "Volkskultur" sowieso für ein längst ausgedientes Fachwort halten.

Sie werden sich jetzt wahrscheinlich wundern, warum Wissenschaftler über "den" Volkskulturbegriff streiten, wo die doch genau wissen, daß es nicht einen, sondern mehrere gibt. Der Grund dafür ist, daß "Volkskultur" keine gewöhnliche Benennung ist, sondern ein Relevanzsignal, ein Wichtigkeitsetikett.

Volkskulturbegriffe sind wichtig!

Zuerst eine ganz einfache Rechnung: In einem so komplexen und vielfältigen Gebiet wie der menschlichen Kultur lassen sich unzählige "Eigenschaften" finden und ebenso viele Unterscheidungen treffen. Welche dieser Kriterien für die Volkskulturdefinitionen herangezogen werden, hängt ganz vom Gutdünken des Definierenden ab. Mit n Kriterien lassen sich 2n–1 Volkskulturbegiffe definieren! Wenn Sie also 10 Kriterien bei der Hand haben (schriftlos, Widerständigkeit, Nicht-Hochkultur, untere soziale Schichten, kollektives Verständigungsmuster, altständische Gesellschaft, Gruppen, Alltag, Tradition und ländlicher Raum zum Beispiel, dann können Sie durch verschiedene Kriterienauswahl 1023 (tausenddreiundzwanzig) Volkskulturbegriffe definieren. Sehen Sie sich die Kriterien daraufhin an, welcher politischen Partei sie in den Kram passen könnten, welche als "modern" und welche als "überholt" gelten könnten, welche als "wissenschaftlich" und welche als "populär". Sie können nun, wie es die meisten Volkskulturdefinierer tun, die Ihnen am allerwichtigsten erscheinenden Eigenschaften auswählen und damit Ihrem Volkskulturbegriff den Rang höchster Wichtigkeit geben. Für etwas Unwichtiges macht man sich überdies ja ohnehin nicht die Mühe, ihm einen Namen zu geben. Der Name "Volkskultur" gilt außerdem als Benennung für höchstwichtige Sachen und es gilt unter Volkskulturdefinierern das ungeschriebene Gesetz, daß unwichtigere Begriffe diesen Namen gar nicht verdienen. Ja, es gibt sogar eine heimliche Volkskulturdefinition, die von allen Volkskulturdefinierern anerkannt wird. Sie lautet: "Volkskultur ist der wichtigste Teil der Gesamtkultur (die Hochkultur vielleicht ausgenommen)". Für das Wörtlein "wichtigst" setzt jeder Definierer seine ihm wichtigen Kriterien ein, so wie man besondere Zahlen in eine mathematische Formel einsetzt. Nun werden Sie verstehen, warum es so viele Volkskulturdefinitionen gibt: Jedem Menschen ist etwas anderes wichtig. Das hängt mit persönlichen Erfahrungen und weltanschaulichen Standpunkten zusammen, bei Wissenschaftlern auch mit einzelwissenschaftlichen Sichtweisen. Und so sehen dann auch die Diskussionen um "den" Volkskulturbegriff aus: Der eine hat das Wichtigkeitsetikett "Volkskultur" auf dieses, der andere auf jenes Kultursegment geheftet, der eine vielleicht auf ein größeres, der andere auf ein kleineres. Beide versuchen einander nun zu überzeugen, daß die eigene Definition die relevanteren Kriterien, die fundamentaleren Unterscheidungen enthalte und ihr deshalb allein der hehre Name Volkskultur gebühre. Dabei geht es oberflächlich um die Widerlegung von Theorien und Hypothesen, die jeder an seinen Begriff geknüpft hat, in Wirklichkeit geht es um das Aufeinanderprallen zweier Weltanschauungen. Das nennen die Wissenschaftler dann "Theoriediskussion".

Wissenschaftler wissen natürlich um die Suggestivkraft des Relevanzsignals und sie setzen diese Wirkung pädagogisch ein, um ihre Ideen an den Mann zu bringen. Jeder geht mit seiner Lieblingsidee hausieren, Konrad Köstlin mit der "Idee der Volkskultur", Justin Stagl mit seinem Kulturmodell, ich mit meiner guten Musik3 - und jeder hat das Relevanzsignal Volkskultur oder Volksmusik daraufgeklebt, womit er zumindest erreicht, daß man ihm aufmerksamer zuhört. Wenn Sie mit Ihrem Volkskulturbegriff ebenfalls missionarische Absichten haben, müssen Sie folgendes beachten: Es genügt nicht, bloß die Definition bekannt zu geben. Die Wichtigkeit Ihres Begriffs müssen Sie dem Gegenüber eindringlich und glaubhaft vor Augen stellen. Außer der Darlegung Ihrer Gründe stehen Ihnen noch einige Argumentationsweisen zusätzlich zur Verfügung: Sie können wie Justin Stagl anderen Autoren "Ideologisierung der Volkskultur" vorwerfen und Ihre eigene Definition dann als Mittel zur Entideologisierung anbieten. Sie können wie Reinhard Johler einer bereits toten Wissenschaftlergeneration "verkürzte" Sicht "der" Volkskultur attestieren und sich denn kontrastierend abheben als einer, der nun endlich ihre ganze Komplexität ins Auge faßt. Oder Sie machen es auf Köstlinsche Art psychologisch viel geschickter, Sie verursachen den anwesenden Volkskulturgläubigen und -pflegern mit gutgezielten Provokationen Ängste und werfen ihnen dann Ihre Volkskulturidee als Rettungsanker hin. Die Relevanzsuggestionen sind hier "wertfreie Wissenschaft", "Erkenntnisfortschritt" und "einzige Chance".

Das größte Echo erreichen Sie jedoch mit einer guten Nase dafür, welche Dinge den Menschen wichtig sind, oder noch besser: sehr bald wichtig werden. Sie werden dann bald als der Prophet eines "modernen" und "fortschrittlichen" Volkskulturbegriffs gefeiert werden, als der Mensch, der "den" Volkskulturbegriff vom alten Staub befreit hat und dafür gesorgt hat, daß Volkskultur nicht mehr am Aussterben ist, sondern - Hokuspokus - Kraft neuer Definitionskriterien in reicher Fülle existiert. Sie sind dann zwar dran schuld, daß Dank Ihres neuen Volkskulturbegriffs auch die Skinheads ihren Rechtsrock als "Volkskultur" bezeichnen dürfen. Aber Sie haben ein tiefes Bedürfnis unserer Gesellschaft befriedigt, die offenbar nicht leben kann, ohne irgend etwas zu haben, was sie "Volkskultur" nennen kann. Nicht zu vergessen die Volkskundler, die glauben, nur das beforschen zu dürfen, was "Volkskultur" heißt4. Sie sind ja heute noch Hermann Bausinger dafür dankbar, daß er ihnen erlaubte, auch in der "technischen Welt" nach "Volkskultur" Ausschau zu halten. Solche Genialität im Zusammenhang mit "Volkskultur" ist selten. Aber auch schon, wenn Sie einen kleineren und kurzlebigeren Definitionshit landen, können Sie bei der Sommerakademie Volkskultur Referent werden und einen kostenlosen Urlaub am Traunsee genießen.

Diskussionsfallen

Mit diesem Wissen gewappnet wollen wir uns jetzt in die Diskussion wagen, in der Sie Ihren Volkskulturbegriff gegen Angriffe verteidigen müssen. Diese Verteidigung ist viel einfacher, als es die komplizierten "Theoriediskussionen" uns glauben machen wollen. Sie brauchen nur eine gewisse Standfestigkeit und Sie dürfen sich weder durch Fachjargon noch durch logisch klingende Argumente durcheinanderbringen lassen. Sie müssen nämlich eines wissen: Definitionen sind logisch gesehen Tautologien, können also durch nichts widerlegt werden! Ebensowenig wie man ihrer Tochter den Namen absprechen kann. Sie brauchen sich nur einfach hinzustellen und zu sagen: "Ich nenne diese Dinge darum ’Volkskultur’, weil sie mir persönlich wichtig sind, zwar aus diesem und jenem Grund. Ich lasse mir keinen andern Volkskulturbegriff aufdrängen, weil ich selbst am besten weiß, was mir in dieser Kultur wichtig ist. Eure Definitionen, eure Wichtigkeitserklärungen sind für mich irrelevant. Punktum." Gegen diese Argumentation wird man wahrscheinlich einwenden, daß sie persönlich gefärbt sei und keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Wissenschaftlichkeit erheben könne. Aber persönliche Färbung werden Sie den anderen Definierern genauso nachweisen können. Sie brauchen nur ihre Aufsätze studieren, ihren Reden aufmerksam lauschen und finden dort auf- und abwertende Wörter und andere Hinweise auf die Weltanschauungen der Autoren. Und Sie können zeigen, daß die Volkskulturdefinitionen nur in bezug auf die jeweiligen Weltanschauungen und einzelwissenschaftlichen Sichtweisen so sehr wichtig sind.

Man wird Ihnen vielleicht vorwerfen, daß Ihr Begriff "die Komplexität der Volkskultur verkürze". – Bemerken Sie, wie Ihr Kontrahent hier das Wort Volkskultur nicht in Ihrem, sondern in seinem Sinn verwendet. Sie tun gut daran, ebenso zu verfahren. Ein Dritter wird bei Ihrem Streitgespräch vielleicht nur Bahnhof verstehen, weil er wieder eine ganz andere Definition hat. Spätestens jetzt werden Sie begreifen, daß Volkskulturforscher einander besser verstehen, solange sie das Wort Volkskultur nicht verwenden.

Und obigem Vorwurf könnten Sie entgegnen, daß jegliche Volkskulturdefinition die Komplexität der Gesamtkultur verkürze, indem sie aus deren Gesamtzusammenhang einen Teilbereich herausgreife. Oder daß eben auch nicht alle Autos "Volkswagen" heißen. Das Wort "verkürzt" ist übrigens einer jener vielen wertenden Ausdrücke, mit denen Sie in einem Streitgespräch psychologisch punkten können.

Im folgenden sollen Justin Stagls und Konrad Köstlins Vorträge einer Kritik unterzogen werden. Die Seitenzahlen beziehen sich auf den Abdruck dieser Vorträge in: Sommerakademie Volkskultur 1992, Wien 1992.


Justin Stagl, Kulturmodell und Entideologisierung "der" Volkskultur

Justin Stagl wendet sich gegen die Ideologisierung "der" Volkskultur (S. 65) und bietet hierfür sein Kulturmodell an. Wir stellen 2 Fragen: Wie sieht Stagl das Verhältnis zwischen Modell und Wirklichkeit? Sind seine Äußerungen wirklich ideologiefrei?

Das problematische Wort ist: "normal". Stagl verwendet es gleich viermal an zentralen Stellen seines Vortrags: Volkskultur und Hochkultur "bilden unter normalen Verhältnissen ein funktionierendes Ganzes" (S. 58). Diese "normal funktionierende Kulturgesamtheit" (S. 58) stellt Stagl in seinem Kulturmodell dar. In diesem Modell stellt "die Dynamik einer Kultur [...] bei normalem ungestörtem Funktionieren [...] einen Kreislauf dar" (S. 64). Stagl weist ausdrücklich darauf hin, daß er sein Kulturmodell "nur für den sog. Normalfall des harmonischen Funktionierens und Weiterwachsens einer Kultur aufgestellt habe. In Wirklichkeit gehören zur kulturellen Dynamik auch Brüche, Katastrophen, Abspaltungen, Einschmelzen ganzer Kulturen in andere" (S. 65). Führt nicht Stagl selbst mit diesem letzten Satz sein Reden von "normalen Verhältnissen" ad absurdum? Sind nicht diese Konflikte und Katastrophen genauso "Normalfall" geschichtlicher Wirklichkeit? Sind sie vielleicht sogar unabdingbarer Motor für das "Weiterwachsen einer Kultur"?

Aber mit solcher Argumentation täten wir Stagl unrecht, denn er verwendet das Wort "normal" ja nicht im Sinne von "häufig, meistens, fast immer" sondern in der Bedeutung von "einem Richtmaß, einer Norm entsprechend". Und diese Norm ist das Staglsche Kulturmodell selbst. Normal heißt hier "modellgetreu", also "kreisläufig". "Normal" kann aber auch heißen: "geistig gesund" sowie "gesellschaftlich gefordertem Verhalten entsprechend". Und der Leser könnte Stagls Formulierungen so verstehen: Nur die sich nach dem Kreislaufmodell verhaltenden kulturellen Prozesse sind gesunde Kultur, "Brüche, Katastrophen, Abspaltungen und Einschmelzungen" sind kulturelle Krankheiten oder abzulehnendes und zu bekämpfendes kriminelles Kulturverhalten.

Nehmen wir in dubio pro re an, Stagl habe nur eine modelltheoretische, keine sittliche Norm aufgestellt und er habe das doppeldeutige Wort nicht mit (ideologischer) Absicht gesetzt. Rechnen wir es weiters nur Stagls Harmoniebedürfnis ("Ein systematisches Modell, wie ich es hier vorgestellt habe, hat, so meine ich, etwas ästhetisch tief Befriedigendes", S. 65) zu, daß er seine Kreislauftheorie zu einem systematischen Modell ausgebaut hat, seine Krisentheorie aber, die sich nicht auf eine so schöne, einfache Modellform bringen läßt, nur aufzählend andeutet. Der Leser, derart über Kulturkonflikttheorie nur mangelhaft unterrichtet, könnte sich Stagls Ausführungen zu einer Kulturutopie zurechtmachen, in der das "normale", "harmonische", kreisläufig Einfache über das Komplizierte, schwer Durchschaubare, Konflikthafte letztlich und hoffentlich den Sieg davontragen wird.

Und nehmen wir an, daß Stagl nur im Glauben an die Möglichkeit einer ideologiefreien Wissenschaft und aus seiner Überzeugung von der wissenschaftlichen Überlegenheit der methodischen Trennung in "Kultur" und "Gesellschaft" (S. 57 f) heraus gegen andere Volkskulturdefinierer als die "Ideologen der Volkskultur" (S. 58) polemisiert, anstatt es bei seiner Analyse bewenden zu lassen, daß das "Ausspielen der Volkskultur gegen die hohe Kultur" (S. 58) eben ein Ausdruck kultureller, sozialer, ökonomischer und politischer Konflikte sei (S. 66 ff). Das Wort Volkskultur auf eine Definition zu applizieren, die ein soziales Kriterium enthält, muß allein noch nicht das "Ausspielen der Volkskultur gegen die hohe Kultur" bedeuten, es kann auch ein Ausdruck bloßen Erkenntnisinteresses an der Kultur nichtprivilegierter sozialer Gruppen sein. Umgekehrt kann in derzeitigen gesellschaftlichen und kulturellen Konflikten auch Stagls Kreislaufmodell zur ideologischen Munition werden: Der Leser kann es als Rechtfertigung benutzen, wenn er die Aufmüpfigen als Störenfriede, als Zerstörer des "harmonischen Funktionierens und Weiterwachsens einer Kultur" bekämpft. Mit einem Wort, Stagls Kreislaufmodell ist die ideale Untermauerung für einen kulturkonservativen Standpunkt. Jedenfalls müßte Justin Stagl, wenn er es mit seiner Forderung nach Entideologisierung ernst meint, vor allem aber der wissenschaftlichen Forderung nach unzweideutiger Sprache und nach Erkenntnisfortschritt nachkommen will, das Wort "normal" in diesem Zusammenhang streichen und sein Kulturmodell mit einem ebenso systematisch ausgearbeiteten Konfliktmodell verbinden. Ohne dieses ist es nur ein halbes Kulturmodell.5


Konrad Köstlin und die österreichische Volksmusikforschung

Es geht mir hier nicht darum, an Köstlins Idee von der "Idee der Volkskultur" etwas auszusetzen und schon gar nicht darum, dem Leser aus der Ausweglosigkeit herauszuhelfen, in die er als Volkskulturarbeiter unweigerlich gelangt, wenn er erfährt, daß "Volkskultur kolonisiert" und andererseits aufgefordert wird, sich die "Idee von der Volkskultur" nicht nehmen zu lassen, da sie eine positive "Utopie" enthält (S. 22 ff).

Meine Kritik beschränkt sich auf eine sachliche Richtigstellung: Konrad Köstlin scheint die österreichische Volksmusikforschung schlecht zu kennen. Schlecht genug, daß er die falsche Aussage macht, die sog. volkstümliche Musik sei "ein Schrecken für alle Volksmusikforscher" (S. 21). Diese Pauschalbehauptung wird auf S. 207 von Peter Hofbauer widerlegt, von dem wir erfahren, daß der bekannteste lebende österreichische Volksmusikforscher sich positiv für die Gründung des "Musikantenstadls" ausgesprochen hat6. Auch Arnold Blöchl vom ORF-Landesstudio Oberösterreich, der dann den Karl Moik für diese Sendung vorgeschlagen hat, ist nebenher Volksmusikforscher. Die Liste solcher österreichischer Volksmusikforscher ließe sich fortsetzen.


Fußnoten

1 Gemeint sind die Vorträge, die ein Jahr zuvor auf der ersten "Sommerakademie Volkskultur" gehalten wurden, - mein eigenes Referat, den Versuch der Popularisierung von Franz Eibners Schenkerianischem Volksmusikbegriff, keineswegs ausgenommen.

2 Diese und die folgenden Verweise beziehen sich auf die Aufsätze der erwähnten Autoren in: Sommerakademie Volkskultur, Wien 1992.

3 Reinhard Johler erwähnt meine Bastelanleitung in: Sommerakademie Volkskultur 1993, Wien 1994 und greift jene Kritik auf, die ich hier als Selbstkritik formuliert hatte. Mein Abschied vom Volksmusikbegriff erfolgte 1993/94, es war ein Abschied von jeglicher Art von Volksmusikbegriff, von Volksmusik als wissenschaftlichem Fachwort überhaupt, siehe auch meine Untersuchungen über Volksmusik- und Volksliedbegriffe im Jahrbuch des Österreichischen Volksliedwerks Bd. 42/43, Wien 1994, S. 92 ff.

4 (oder umgekehrt meinen, das, was sie beforschen, "Volkskultur" nennen zu müssen). Aus den beiden genannten Gründen, dem gesellschaftlichen und dem innerwissenschaftlichen, scheint der stärkere Zug am Brett nicht der Abschied vom Volkskultur- und Volksmusikbegriff zu sein, sondern deren Neubestimmung, wobei - inzwischen ist die von Saul Kripke ausgelöste Umwälzung der Analytischen Philosophie auch zu den Volksmusikforschern durchgedrungen - diese Begriffe neuerdings nicht mehr definiert werden, sondern auf die in den 60ern und 70ern vielgeschmähte und für überholt erachtete Praxis der Begriffsexplikation zurückgegriffen wird. Ob nun Definition oder Explikation - für meine grundsätzliche Kritik ist dies ohne Belang. "Volkskultur" und "Volksmusik" sind primär kulturpolitische Begriffe, sie haben in der Wissenschaft nichts zu suchen. Aus diesem Grund kann ich auch dem letzten Schrei der wissenschaftlichen Begriffsgeschichte nichts abgewinnen, nämlich sich den Volkskulturbegriff durch pflegerische Pfleger, Journalisten und Fernsehmoderatoren bestimmen zu lassen. Mit der Anerkennung populärer Volkskulturbegriffe gerät die Wissenschaft in Gefahr, sich auf ein affirmatives Geleise zu begeben und so in Widerspruch zu ihren kulturkritischen Ambitionen zu geraten, die sie nicht preisgeben möchte. Am schönsten läßt sich diese Aporie bei Konrad Köstlin, dem Guru der "Idee der Volkskultur", zeigen. 1993 sah ich diese Aporie als ein Problem des Volkskulturpflegers an, während ich sie heute als ein Problem der Theorie selbst betrachte und nicht allein der Köstlinschen.

5 Justin Stagl antwortete mir auf der Sommerakademie 1993, daß er inzwischen in einer anderen Zeitschrift eine ausgefeiltere Version seiner Kulturtheorie veröffentlicht habe, in der auf Kulturkonflikte genauer eingegangen werde. Dieses Theorieupdate wurde allerdings der heimat- und volkskulturpflegerischen Hörer- und Leserschaft der "Sommerakademie Volkskultur" vorenthalten.


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