BORDUNGEIGENMUSIK
Violine und Gesang: Hermann Fritz

HERMANN FRITZ ist Geiger, Komponist und Musikwissenschafter. Als Ländlerspezialist und Jazzmusiker war er in den 80er Jahren einer der Impulsgeber jenes Genres, das in den 90er Jahren als "Neue Volksmusik" entdeckt wurde und heute unter Crossover, Ethno- und Worldmusic läuft. Die Urfahraner Aufgeiger und die Attwenger waren seine Schüler. Aus ethnologischen und historischen Quellen rekonstruiert Hermann Fritz eine faszinierende Tanzgeigentechnik.

Bordun und Applikatur
Der Ländler zwischen Barockgeige und Dudlsack

Nicht nur die mittelalterliche Fidel, auch die moderne Geige war als Borduninstrument in Gebrauch. Tanzhandschriften des 18. und frühen 19. Jahrhunderts lassen verschiedene Bordungeigentechniken, wie sie in Österreich vor allem beim Ländler und beim Schleunigen üblich waren, nachvollziehbar werden.

Die Geige verdrängte im 18. Jahrhundert den Dudlsack und die Drehleier mehr und mehr vom Tanzboden. Die an der Kirchenmusik geschulten Geiger übernahmen aber nicht nur die überlieferten Bordunmelodien, sondern komponierten auch neue für die hochstehende Geigentechnik im Zeitgeschmack des Barock und der Wiener Klassik. Diese Tänze sind oft speziell für die halbe oder ganze Applikatur (zweite oder dritte Lage) komponiert. Josef Stadlmann (1921-2000) war einer der letzten Hochzeitgeiger, der die barocke Lagentechnik noch aus schriftloser Überlieferung beherrschte.

Der gewöhnlichste und häufigste Tanz des 18. Jahrhunderts ist der Ländler. Hermann Fritz spielt Ländler aus verschiedenen Landschaften, die sich im Tempo und in der Akzentuierung des Metrums erheblich unterscheiden: Ober- und Niederösterreichische Ländler, Steirische Tänze, Appenzeller und Innerschweizer Ländlerli sowie Schleunige Tänze, eine Frühform des Ländlers. Der Ländler zwischen Erlauf und Inn zeichnet sich durch spezielle aus dem Barock stammende Bogenstriche aus, die ihm erst den richtigen Geschmack geben, sowie durch die Dehnung des dritten Viertels bis hin zur Geradtaktigkeit.

Schleunige Tänze enthalten um 1800 noch vereinzelt Melodien in lydischer und mixolydischer Tonart. Musikalisch und choreograpghisch sind sie mit den estländischen Flachfußtänzen verwandt. Auch hier erweist sich das zum "Eigenen" hochsilisierte "Alleinstellungsmerkmal" als Allerweltsmusik des 17. und 18. Jahrhunderts.


Hermann Fritz

Aus ethnologischen und historischen Quellen rekonstruiert Hermann Fritz eine faszinierende Tanzgeigentechnik. Fernab vom pflegerisch konstruierten ethnic mainstream heutiger Volksmusikpflege und von der das Tanzbein ungerührt lassenden Barockrenaissance macht er historische Aufführungspraxis der Hochzeitsmusik des 18. und 19. Jahrhunderts. Bei Gelegenheit gibt er sein Wissen auch in Workshops weiter.

Hermann Fritz ist der Dissident der österreichischen Volksmusikforschung. Er lehnt den Begriff "Volksmusik" ab: Es gibt eine historische Tanzmusik - und die schauen wir uns an! "Identitäten sind dazu da, um daran zu kratzen" (Sloterdijk).
(Der gebürtige Oberösterreicher Hermann Fritz lehnt natürlich auch die oberösterreichzentristische Unterscheidung zwischen "Ländler" und "Landler" ab, die in jüngster Vergangenheit leider wieder fröhliche Urständ feiert).

Kontakt
Hermann Fritz
Neudeggergasse 14
1080 Wien
e-mail: Hermann Fritz <a7425519 AT unet.univie.ac.at>
Tel.: 01 / 4074859

Musikkritik
Der Veranstalter Karl Katzinger vom Institute of postvirtual reality in Weitersfelden, OÖ, schrieb am 19.03.07:
"Deine Performance am Samstag fand ich genial. Der Vortrag war von Anfang bis Ende spannend, die Musik überwältigend. Unglaublich auch wie Du mit der Geige so ein Klangvolumen in dem Raum erzeugen konntest. Die vielen Variationen von Ländlern und Jodlern, die Du gespielt hast, auseinanderzuhalten oder bloss zu erkennen, das bedarf jedenfalls mehrmaligen Besuches Deines Vortrages.
Wie auch immer, sehr schade, dass wir Deine Performance nicht aufgenommen haben. Sie könnte so eins zu eins im Radio gesendet oder auch auf CD gespeichert werden.
Gibt es CD's oder andere Medien mit Deiner Musik?"


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